Ein aufmerksamer Leser (Zuschauer) weist mich darauf hin, dass auch der Bundeskanzler nicht davor zurückschreckt, dem deutschen Volk absoluten Schwachsinn zu erzählen. Wie Roland Koch zuvor zeigt auch Merz, dass er entweder wirklich vollkommen unfähig ist, ein einfaches Problem zu durchdenken, oder aber skrupellos genug ist, um dem Volk den größten Unsinn zu verkaufen.
In der Sendung „Was nun, Herr Merz“, vom 6.5. wiederholt Merz bei Minute 13.45 die immer wieder von allen möglichen Lobbyisten verbreitete Zahl, zehn Prozent der Menschen trügen 50 Prozent der Steuer, um damit zu belegen (er sagt das explizit so), wie viel Umverteilung es derzeit schon gibt. Ich will nicht wiederholen, was ich in dem oben verlinkten Stück zu Roland Koch gesagt habe, aber eine Prozentzahl von Menschen mit einer Prozentzahl von einer Geldsumme zu vergleichen, ist Scharlatanerie.
Interessant ist jedoch, wie Merz diese Aussage einleitet. Er sagt „Viele Menschen wissen das gar nicht“, um dann mit dem unsinnigen Vergleich zu kommen. Wenn ein Bundeskanzler das im Brustton der Überzeugung so einleitet, kann ich mir nicht vorstellen, dass ihm jemals jemand gesagt hat, wie unsinnig dieses Argument ist. Folglich ist er ungeheuer naiv und unwissend.
Was macht eigentlich die SPD? Reden die mit der CDU und dem Kanzler? Der Finanzminister hätte doch spätestens am Ende dieser Sendung den Kanzler anrufen müssen und ihm sagen müssen, dass er sich im eigenen Interesse und im Interesse der Koalition in der Öffentlichkeit nicht solche intellektuellen Blößen geben sollte. Aber wenn Merz das Argument mit solcher Überzeugung vertritt, hat er es sicher schon vorher einmal in den Koalitionsgesprächen vorgebracht. Hat ihm niemand widersprochen?
Dass die Moderatorinnen nicht nachgefragt haben, das war zu erwarten. Ich habe es zwar nicht geschafft, die ganze Sendung anzuschauen, aber in den fünf Minuten, die ich durchgehalten habe, haben die Moderatorinnen, die beiden Starjournalistinnen des ZDF, nur Fragen vorgelesen, die sich auf Forderungen aus der Wirtschaft, von Unternehmern und deren Verbänden bezogen. Offenbar hält man im ZDF nur das für erwähnenswert, was von der Unternehmerlobby vorgebracht wird. Wirtschaft findet in der Wirtschaft statt, hat mal ein Unternehmerlobbyist als Wirtschaftsminister gesagt.
Dass die Unternehmer in der Regel nichts von Wirtschaft verstehen, weil sie ihre kleinteilige Sicht einfach auf die Volkswirtschaft übertragen, hat man im ZDF noch nie gehört. Die öffentlich-rechtlichen Medien werden Ihrem Auftrag immer weniger gerecht. Dem immer wieder von interessierten Kreisen vorgebrachten Vorwurf der Linkslastigkeit der öffentlich-rechtlichen Anstalten begegnet man jetzt offenbar mit einer von der Spitze her durchgesetzten Rechtslastigkeit. Dass dabei auch das Denken und die Logik auf der Strecke bleiben, interessiert vermutlich niemanden. Abschalten ist die einzige Lösung. Bei den privaten Medien weiß man wenigstens, wie und warum man über den Tisch gezogen wird.