Der Präsident der Österreichischen Notenbank, Martin Kocher, gefällt sich, ebenso wie sein deutscher Kollege, in der Rolle des geldpolitischen Falken, dem die Inflationsbekämpfung via Zinserhöhungen nicht schnell genug gehen kann.
Begründet wird das regelmäßig mit der Gefahr von sogenannten Zweitrundeneffekten. Man befürchtet, dass die Inflation auch bei einem kurzen Schock stärker steigt als erwartet, weil Unternehmen und Beschäftigte Kaufkraftverluste vermeiden wollen und daher höhere Preise beziehungsweise höhere Löhne fordern. Dies könne dazu führen, dass die Inflation dauerhaft über dem Zielwert bleibe, selbst wenn der ursprüngliche Energieschock bereits abgeebbt sei.
Um das zu verhindern, so seine Schlussfolgerung, müsse die Zentralbank früh und energisch eingreifen. Wörtlich: „Es ist Aufgabe der Zentralbank zu verhindern, dass diese Risiken Wirklichkeit werden. Ein wichtiges Instrument dafür sind Zinserhöhungen.“
Dieses von Zentralbankern immer wieder vorgebrachte Argument ist in einer offenen Gesellschaft und Demokratie allerdings in höchstem Maße absurd. Wenn es temporäre von außen kommende Schocks via steigende Ölpreise gibt, die die Kaufkraft verringern, kann offenbar kein Mittel der Welt verhindern, dass die Ölnachfrager insgesamt diese Einkommensverluste tragen. Man kann lediglich im Inland mit Verteilungskämpfen beginnen, um die Verluste von einer Gruppe auf eine andere zu schieben, also von den Gewerkschaften auf die Unternehmen oder von den Unternehmen auf den Staat.
Tut man das, wird man allerdings nicht nur Einkommensverluste wegen des unmittelbaren Schocks erleiden, sondern noch viel größere Einbußen dadurch, dass die unabhängige Notenbank ohne Rücksicht auf Verluste die Zinsen erhöht und die Wirtschaft vollends in die Rezession kartätscht.
Auf die Idee, dass man vielleicht einmal darüber reden könnte, wie sinnvoll die Verteilungskonflikte im Innern sind, kommt niemand. Notenbanker wie Martin Kocher reden, als kämen sie von einem anderen Stern, die jeden Unfug und Streit, den die Unwissenden da unten anstellen, eisenhart niederzuschlagen haben. Niemals können sie auch nur eine Sekunde ihrer wertvollen Zeit opfern, um dem dummen Volk zu erklären, wie man das verhindern kann.
Gerade in Österreich sollte man wissen, dass es eine Sozialpartnerschaft geben kann, wo man vollkommen unnötige Konflikte, nämlich solche, bei denen am Ende niemand gewinnen kann, dadurch entschärft, dass man allen Beteiligten vor Augen führt, wie dumm und schädlich der Versuch einzelner Gruppen ist, die in diesem Fall unabwendbare Belastung von sich selbst wegzuschieben.
Gibt es keinen Politiker mehr, der das begreift und den Notenbankern in den Arm fällt, bevor sie ihre eisenharten Waffen ohne jeden Skrupel einsetzen? Schon 2022 hat die EZB mit ihrer Reaktion auf einen temporären Preisschub weit überzogen, weil es keinen sozialpartnerschaftlichen Dialog gab (wie hier gezeigt). Wollen wir jetzt – wegen der Unfähigkeit miteinander zu reden – den gleichen Fehler wiederholen und die europäische Wirtschaft auf Jahre noch weiter zurückwerfen? Oder sollten wir uns vielleicht doch wie Menschen verhalten, die allen Beteiligten eine schwierige Konstellation erklären und sie damit entschärfen können?
Übrigens: Wer jetzt erneut eine Rezession in Europa riskiert, kann sich sicher sein, dass danach Parteien an die macht kommen, denen die Unabhängigkeit der Notenbanken ein gewaltiger Dorn im Auge ist.