Wenn man verstehen will, was fundamental schiefläuft bei der wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland, muss man nur die Kommentare in den Leidmedien lesen. Ein Leser hat mir gerade einen Artikel aus der Süddeutschen Zeitung geschickt, der typisch für die babylonische Verwirrung in Sachen Wirtschaft ist. In einem Kommentar von Kerstin Bund lernen wir, dass es den Menschen heute nicht an Einsicht fehlt, sondern an einer Regierung, die ihnen erzählt, was es am Ende der vielen Zumutungen zu gewinnen gibt. Kerstin Bund findet, so ihre eigene Beschreibung, Wirtschaft nicht nur hochspannend, „sondern auch zutiefst menschlich – und interessiert sich besonders für psychologische Zusammenhänge, die erklären, warum Menschen handeln, wie sie handeln“.
Auf die Erzählung also kommt es an. Wenn man dem wissenden Bürger, an Einsicht fehlt es ihm ja nicht, ein schönes Märchen erzählt, dann wird er alle Zumutungen gerne ertragen und fest daran glauben, dass alles gut wird. Man muss ihm nur ausmalen, wie sich die gravierenden Einschnitte, die er heute zu ertragen hat, in ein paar Jahren in eine heile Welt verwandeln. Und wir haben es ja schon erlebt. Kerstin Bund schreibt: „Selbst bei den schmerzhaften Agenda-Reformen unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder war allen klar, was es zu gewinnen gab: Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand. Ein besseres Morgen eben“. So einfach ist das.
Schon der in diesen Aussagen implizierte Nationalismus ist unfassbar. Was hat man eigentlich zu Beginn der 2000er Jahren den Franzosen und Italienern für eine Geschichte erzählt? Hat man ihnen erzählt, jetzt werde der Deutsche für 20 Jahre wieder die Macht in Europa übernehmen? Hat man ihnen gesagt, Deutschland werde ihnen aufzwingen, über ihren Verhältnissen zu leben, damit der deutsche Mensch unter seinen Verhältnissen leben und für sich selbst Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und ein besseres Morgen gewinnen kann. Hat man ihnen erzählt, dass sie für mindestens 20 Jahre verzichten müssen auf Arbeitsplätze, Wettbewerbsfähigkeit, Wohlstand und ein besseres Morgen, weil sie mit den Deutschen eine Währungsunion eingegangen sind, von der man ihnen kurz vorher noch erzählt hat, sie würde die Macht der Deutschen endlich einschränken und für alle ein Wirtschaftswunder vollbringen?
Sollte man den anderen Europäern jetzt nicht schnell erzählen, dass die Deutschen mit Hilfe ihrer grandiosen Journalisten gerade dabei sind, erneut eine Schrödersche Erzählung in die Welt zu setzen, mit der man den anderen Europäern das wirtschaftliche Überleben vollends unmöglich machen will. Vielleicht sollte man die überaus klugen deutschen Journalisten bitten, eine Erzählung für die anderen zu finden, die den einsichtigen Menschen in Paris und Rom zeigt, dass es einfach nicht anders geht?
Aber selbst die Erzählung vom Erfolg der Agenda für die Deutschen ist falsch. Wäre Deutschland nicht dem Schröderschen Schwachsinn in Sachen Wettbewerbsfähigkeit in einer Währungsunion gefolgt, man hätte aus der EWU in den vergangenen 25 Jahren eine blühende Landschaft machen können, weil die anderen nicht mit Gewalt versucht hätten, das deutsche Lohndumping und den deutschen Niedriglohnsektor zu imitieren. Wenn man wirklich etwas gewusst hätte über Wirtschaft, man wäre nicht meilenweit von den USA überholt worden und hätte nicht heute noch immer eine extrem hohe Arbeitslosigkeit.
Noch viel fataler war der deutsche Merkantilismus für das Märchen von der enormen Bedeutung des europäischen Binnenmarktes. Den hat man in unendlich vielen Erzählungen zum Schlüssel für den europäischen Wohlstand gemacht und hat die vielen Zumutungen mit den großen Wohlstandsgewinnen, die zu erwarten waren, gerechtfertigt. Das war nie so einfach, aber man hätte den Glauben an den Binnenmarkt genau zu dem Zeitpunkt aufgeben müssen, als der deutsche Merkantilismus den europäischen Binnenmarkt über Nacht zu einer Farce gemacht hat. Wer an den Freihandel und die Bedeutung des Binnenmarktes glaubt, den deutschen Merkantilismus aber nicht gleichzeitig scharf verurteilt, weiß einfach nicht, wovon er redet bzw. was er „erzählt“.
Es wird Zeit, die Erzählung von den Erzählungen endgültig über Bord zu werfen und sich wieder ernsthaft mit den Sachen auseinanderzusetzen. Es geht nicht darum, den Bürger mit irgendwelchen Märchen einzulullen, sondern darum, Einsicht beim Bürger zu schaffen über die wichtigsten wirtschaftlichen Zusammenhänge und insbesondere über diejenigen, die sich seiner Intuition und der Intuition der schwäbischen Hausfrau vollständig entziehen. Vielleicht kann man das von schlecht ausgebildeten Journalisten und Politikern nicht erwarten. Dass sie bei allem, was sie sagen, einmal über die Grenze schauen, das müsste allerdings unabdingbar sein.