Wenn man versucht, den Mainstream offen in Frage zu stellen, muss man mit Frustration rechnen. Der Mainstream lässt sich nicht einfach in Frage stellen, weil er ja der Mainstream ist. Wie könnte die Mehrheit alle Ökonomen, aller Politiker oder Wirtschaftsjournalisten irren? Die vielen Schmalspurökonomen, politischen Mitläufer und Haltungsjournalisten, die nicht in der Lage sind oder nicht einmal versuchen, sich eine eigene Meinung zu bilden, sind ganz wild auf eine solche Mehrheit, hinter der sie sich verstecken können. Das ist schlimm, aber das hat es schon immer gegeben.
Was neu ist in den 20er Jahren dieses Jahrhunderts, ist jedoch die gespielte Empörung, wenn sich ein Mensch oder eine Organisation erdreistet, eine andere Meinung öffentlich zu äußern. Nach den großen weltweiten Schocks (Corona, Ukraine, Israel und Iran), bei denen es vor allem darauf ankam, Haltung zu zeigen, setzt man sich mit anderen Meinungen nicht mehr auseinander, sondern erklärt sie pauschal für „aus einer anderen Welt“, will sagen, aus den Bereichen kommend, die man von vorneherein nicht ernst nehmen muss. Ernstzunehmende andere Meinungen kann es gar nicht geben, weil der Mainstream nicht nur rational, sondern auch moralisch immer im Recht ist.
Ein schönes Beispiel für die „Überlegenheit“ des Mainstreams findet sich wieder einmal in der SZ. Claus Hulverscheid ist empört darüber, dass die Gewerkschaften völlig andere Positionen vertreten als die Unternehmerlobby und die Mehrheit der Politik. Die gewerkschaftliche Auflistung der Probleme, findet er, liest sich, als lebe da jemand in einer anderen Welt – „einer Welt, die nicht durch einen Krater zwischen hohen Brutto- und niedrigen Nettolöhnen gekennzeichnet ist und in der man kostenmäßig immer weiter draufsatteln kann…Von explodierenden Sozialbeiträgen, hohen Firmensteuern, verkrusteten Arbeitsmärkten und all den anderen Faktoren, die die politische Debatte prägen, ist dagegen keine Rede“. Gewerkschaften, das kann man daraus schließen, darf es durchaus geben, aber sie dürfen keine vollkommen andere Meinung haben.
In der realen Welt findet man allerdings all das nicht, was Hulverscheid beschreibt. Der „Krater“ zwischen Brutto und Netto ist nicht nur ein total schiefes Bild, es gibt auch keinen Abstand zwischen Brutto und Netto, der irgendwelche gefährlichen Eigenschaften hätte (wie hier gezeigt). „Explodierende Sozialbeiträge“ sind eine glatte Lüge, hohe Firmensteuern gibt es nur in der Phantasie der Unternehmerlobbyisten und die berühmten verkrusteten Arbeitsmärkte, das hat er nicht mitgekriegt, sind schon vor über 20 Jahren von Schröder und Fischer entkrustet worden. Doch auf Fakten kommt es beim heutigen Journalismus gar nicht an. Entscheidend ist das, was die „politische Debatte prägt“.
Die „politische Debatte“ findet definitionsgemäß in der richtigen Welt statt und alles andere ist die falsche Welt. Das wissen wir doch spätestens seit Corona: Nur Schwurbler und sonstige Spinner konnten sich gegen die von der großen Mehrheit der Parteien getragene Corona-Politik stellen. Diskutieren darf man mit diesen Leuten nicht, man muss sie einfach in die Ecke stellen, für unzurechnungsfähig erklären und die unbeschränkte Herrschaft der Mehrheit als die beste aller Staatsformen ausrufen.
Ich glaube, die Mehrheit der Verteidiger der Diktatur der Mehrheit merkt gar nicht, was sie anrichtet. Was „die politische Debatte prägt“, kann fundamental falsch sein. Bei ökonomischen Fragen ist das sogar die Regel. Seit sich die Volkswirte in den 1970er Jahren entschieden haben, wieder, wie schon vor der Großen Krise der 1930er Jahre, Betriebswirte zu sein, ist nicht nur die gesamtwirtschaftliche Logik verlorengegangen, sondern auch die Fähigkeit der Politik, logisch und empirisch angemessene von „Lösungen“ zu unterscheiden, die der Hausverstand (die österreichische Umschreibung der Schwäbischen Hausfrau) nahelegt. Wer der Minderheit, die Positionen vertritt, die den Hausverstand in Frage stellt, mit moralischer Überheblichkeit oder gar Verachtung begegnet, öffnet die Tür für die einzig wirkliche „Lösung“, nämlich Diskussionen ganz zu verbannen.
„Jede Form der Verachtung, wenn sie in die Politik eingreift, bereitet den Faschismus vor oder etabliert ihn.“ — Albert Camus