Wie links ist der Westend-Verlag? – und warum das eine völlig irrelevante Frage ist

Einige Autoren, die in irgendeiner Weise mit dem Westend-Verlag in Verbindung stehen (auch solche, die sich schon lange explizit getrennt haben), haben sich öffentlich darüber beklagt, dass Westend ein Buch herausgebracht hat, das aus ihrer Sicht Texte von Autorinnen und Autoren enthält, „deren Positionen der AfD nahestehen, einer aus unserer Sicht demokratiebedrohenden Partei“. Zudem beklagen sie, dass Westend sich nicht mehr explizit als Verlag bezeichnet, der „kritische linke Perspektiven“ fördert. 

Ich publiziere die Masse meiner Bücher seit fast 25 Jahren beim Westend-Verlag. Niemand hat mich jemals gefragt oder hat überprüft, ob meine Bücher auch links genug seien, um in einem Verlag zu erscheinen, der sich in der Tat zum Ziel gesetzt hatte, unkonventionellen Ideen einen publizistischen Raum zu geben. 

Bei keiner Idee für ein neues Buch hat mir vorher oder nachher jemand vom Verlag gesagt, ich müsse aber darauf achten, dass mein Buch links genug sei, um in diesem Verlag erscheinen zu können. Ich hätte es mir auch nicht gefallen lassen und die Zusammenarbeit sofort aufgekündigt. So sind aus meiner Feder Bücher bei Westend erschienen, die manch einer für links halten wird, aber nur, weil vieles, was ungewohnt klingt, sofort in die linke Schublade eingeordnet wird. Zuletzt ist von mir ein Buch erschienen, das sich bei nüchterner Betrachtung jeder Einordnung als links oder als rechts entzieht. 

Ich habe mir abgewöhnt, die anderen Bücher, die in diesem Verlag erscheinen, einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Wozu sollte das auch gut sein? Der Verlag ist der Verlag und das Geschäft, einen ganz neuen Verlag zu etablieren und über die Runden zu bringen, ist ungeheuer schwierig. So sind viele Bücher bei Westend erschienen, die ich weder für gut noch für links noch für progressiv und noch für überhaupt interessant halte. Aber, was geht mich das an? 

Wenn man sich jetzt über ein Buch echauffiert, das Positionen von Autoren enthält, die manche Menschen für gefährlich halten, weil sie mit einer „demokratiebedrohenden“ Partei wie der AfD in Verbindung gebracht werden können, kann ich nur lachen. Die demokratiebedrohende Partei ist inzwischen genau deswegen die stärkste Partei in Deutschland, weil man sie aus Angst vor harten inhaltlichen Auseinandersetzungen mit Beschimpfungen wie „demokratiebedrohend“ zu einem Tabuobjekt macht, statt sich inhaltlich mit ihrem (extrem schwachen) Programm auseinanderzusetzen. 

Würde man ernsthaft fragen, warum so viele Menschen, vor allem in Ostdeutschland, zu einer „Bedrohung für die Demokratie“ geworden sind, käme man sicher zu interessanten Schlüssen. Vielleicht sind sie „demokratiebedrohend“, weil die „Demokraten“ mit ihren Scheindebatten, mit ihrer permanenten Verdrängung zentraler Konflikte, mit ihren weitgehend gleichgeschalteten Leitmedien und mit ihrem grandiosen Versagen bei der deutschen Vereinigung, bei Corona und bei der gegenwärtigen wirtschaftlichen Krise für denkende Menschen keinen Platz mehr lassen.

Nein, nein, die Demokratie ist nicht bedroht, weil es am rechten Rand einige fragwürdige Erscheinungen gibt. Die Demokratie ist bedroht, weil sich allzu viele, die glauben, sie seien die einzigen Demokraten, als Meinungsblockwarte aufführen, die denen, die ihren freien Geist behalten wollen, ganz ungeheuer auf den Geist gehen.