Kapital und Zinsen, Sparen und Investieren

Dies ist der dritte Teil einer kurzen Trilogie über die Grundlagen relevanter Ökonomik. Alle drei Teile sind bei Makroskop erschienen. 

Das merkwürdigste Phänomen, das die neoklassische Ökonomik in ihrem Standardmodell geschaffen hat, ist das Kapital. Es schillert in vielen Farben und entzieht sich einer systematischen Analyse von vorneherein dadurch, dass die meisten Autoren nicht einmal versucht haben, die vielfältigen Eigenschaften, die man ihm zuschreibt, in eine gewisse Ordnung zu bringen. Es gibt Sachkapital, Finanzkapital, Gewinne, Kredit und unendlich viele Formen von Kapital, das als Wetteinsatz in einem gewaltigen Nullsummenspiel auf den Weltmärkten hin- und hergeschoben wird, ohne dass irgendjemand sagen könnte, welche Funktion es für die wirtschaftliche Entwicklung hat. 

Tugend und Schmerz

Um die Rolle des Kapitals wirklich zu erfassen, haben die neoklassischen Ökonomen regelmäßig die ganze Komplexität der Welt eingedampft und haben sich zurückbesonnen auf die einfachsten wirtschaftlichen Verhältnisse, die es überhaupt gibt. Nur mit Hilfe von Robinson Crusoe auf seiner Insel können sie uns erklären, wie Kapital entsteht und wie wichtig und unverzichtbar dieses Kapital für die wirtschaftliche Entwicklung ist. 

Crusoe lebt am Existenzminimum, weil er jeden Tag nur genauso so viele Fische mit der Hand fangen kann, wie er zum Überleben braucht. Will er den technischen Fortschritt nutzen und ein Netz knüpfen, muss er hungern. Er muss bewusst auf Einkommen und Konsum verzichten, um Kapital zu schaffen. 

,Das war die klare Botschaft, die zudem noch den Vorteil der Tugendhaftigkeit hatte: Nur wer verzichtet, wird belohnt! Nur wer bereit ist, auf den Konsum zu warten, statt schon heute alles zu verbrauchen, kann auf einen Mehrwert durch den „Produktionsumweg“ hoffen und auf eine Belohnung in Form des Zinses für seinen vorübergehenden Verzicht hoffen. 

Schumpeters Alternative

Joseph Alois Schumpeter, der vor 120 Jahren seine Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung schrieb, wusste, dass das falsch ist. Er sah, dass sich der Kapitalismus dann am besten entwickelte, wenn es keine Krisen gab, in denen das Einkommen und der Konsum sanken. Schließlich waren die Unternehmen darauf angewiesen, ausgelastete Produktionskapazitäten zu haben, wenn der Anreiz zur Erweiterung der Kapazitäten groß sein sollte. Nur, so Schumpeters Frage, wie können große Mengen an neuem Kapital entstehen, wenn niemand verzichtet, wenn also niemand bereit ist, den vorandrängenden Unternehmen das Finanzkapital (und die Ressourcen) in die Hand zu geben, mit denen sie neues Einkommen schaffen können?

Seine Antwort war ebenso revolutionär wie offensichtlich: Diese Mittel können nicht aus dem laufenden Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung entnommen werden, weil sonst der Prozess stocken oder gar zum Stillstand kommen würde. Die Mittel mussten von außen kommen und mussten zusätzlich vorhanden sein. Die Banken sollten den Pionierunternehmer mit den Mitteln versorgen, die er brauchte, um erfolgreich zu sein. Damit war die Idee geboren, dass man aus dem Nichts geschaffenes Geld braucht, um Kapital entstehen zu lassen. 

Doch die schumpeterianische Revolution blieb aus. Niemand konnte und wollte sich an den Gedanken gewöhnen, dass die Neoklassik eine entscheidende Weiche übersehen hatte. Das ganze schöne Gebäude der Neoklassik wäre schließlich vom Einsturz bedroht gewesen, hätte man zugestanden, dass das Entstehen von Kapital nicht das Ergebnis von Tugend und Schmerz, sondern von schnöder Bankpolitik ist. 

Keynes und die anderen

Erst beim keynesianischen Revolutionsversuch ein paar Jahrzehnte und eine große globale Krise später wurde die Gewissheit der Neoklassik kurzfristig zum Wanken gebracht. John Maynard Keynes, Michal Kalecki und Wilhelm Lautenbach verstanden, dass die Krise niemals die Geburtsstunde der Erneuerung ist, sondern die Keimzelle des Untergangs. Was Schumpeter ahnte, arbeiteten sie klar heraus: Jeder Versuch, aus einem gegebenen und erwarteten Einkommen zu sparen, würde die Gewinne der Unternehmen verringern und damit das Kapital, das daraus entstehen sollte, im gleichen Moment vernichten. Wer spart, nimmt den Unternehmen Kapital weg und legt es auf ein Bankkonto. Sparen schadet folglich der Wirtschaft und kann niemals etwas Neues bewirken. 

Das konnte und kann der Neoklassiker nicht verstehen, weil es bei ihm, dem strengen Verfechtern der Marktwirtschaft (!), keine wirklichen Unternehmen und keine Investitionstätigkeit gibt. Da alle Einkommen simultan bestimmt werden, gibt es das genau nicht, was eine reale Marktwirtschaft mehr prägt als irgendetwas anderes: Die Tatsache, dass die Unternehmen Gewinne machen und damit das Residual-Einkommen der Volkswirtschaft beziehen, nämlich das Einkommen, das übrigbleibt, wenn alle vertraglichen Verpflichtungen abgegolten sind. Die Unternehmen der Wirklichkeit beziehen kein Simultan-Einkommen, sondern das Resteinkommen. Folglich reagieren sie auf jede Verringerung der Ausgaben der anderen Sektoren mit eigener Einschränkung der Ausgaben, ohne dass es einen eingebauten Mechanismus gäbe, der eine Spirale nach unten stoppen könnte.

Wer was bekommt

Einen Zins gibt es in der schumpeterianischen Welt nicht, weil gespart wurde, sondern weil investiert wird. Niemand wird für „Warten“ belohnt, sondern alle werden belohnt, wenn der Prozess der wirtschaftlichen Entwicklung erfolgreich ist im Sinne der Generation eines höheren Einkommens als zuvor. Das ist die gesamtwirtschaftliche Rendite. Davon bekommt der Banker einen Anteil für den Kredit, den er den Unternehmen ausgereicht hat. Von diesem Anteil kann er den Sparern einen Zins auf ihre Einlage bezahlen. 

Die Arbeitnehmer müssen unmittelbar beteiligt werden. Sie müssen einen höheren Reallohn bekommen, weil sonst die Produkte, die im Produktionsprozess entstanden sind, nicht verkauft werden können. Sparen sie allerdings einen Teil ihres Einkommens, müssen andere diese Lücke füllen, was heißt, sie müssen sich verschulden. Das klappt nirgendwo auf der Welt, wenn nicht die Institution, die das Zinsniveau festlegt, dafür sorgt, dass der Zins systematisch unter der gesamtwirtschaftlichen Rendite liegt. Die Geldpolitik hat eine entscheidende Rolle. Aber nicht, weil sie die Inflation bekämpfen kann, sondern weil sie die einzige Institution ist, die das neue Geld, das jede wirtschaftliche Entwicklung braucht, zu Bedingungen anbieten kann, die die Unternehmen zum Investieren anregt.