Wer noch immer glaubt, in Deutschland gäbe es eine konjunkturelle Aufwärtsbewegung oder gar einen Aufschwung, sollte sich die jüngste Statistik (nicht Berechnung!) des Statistischen Bundesamtes zum Produzierenden Gewerbe zu Gemüte führen. Gestern wurde vom Statistischen Bundesamt ein Rückgang der Produktion beim produzierenden Gewerbe für den Juli von 1,1 Prozent im Vergleich zum Vormonat verkündet und der Wert für den Juni wurde sogar leicht auf 0 Prozent herunterkorrigiert.
Das Ergebnis kann man in der Abbildung bestaunen. Die rote Kurve fällt nahezu ungebremst seit dem ersten Quartal des Jahres 2023. Was nichts anderes heißt, als dass alles, was diese Regierung, die immerhin eineinhalb Jahre im Amt ist, bisher beschlossen hat, in die falsche Richtung ging.

Die Abbildung zeigt zudem den quartalsweisen Verlauf des sogenannten gesamtwirtschaftlichen Produktionsindex und des realen Bruttoinlandprodukts von 2019 bis 2026. Der gesamtwirtschaftliche Produktionsindex ist eine neuere Errungenschaft des Bundesamtes, die die Produktion nahezu aller Bereiche der Wirtschaft abdecken soll und immerhin bis Juni 2026 verfügbar ist. Da schon die Frage, was wirklich Produktion bzw. die Entstehung von Mehrwert ist, in einigen Bereichen wie den Dienstleistungen sehr schwer zu erfassen ist, muss man davon ausgehen, dass der Teil jenseits des produzierenden Gewerbes (also jenseits von Bauwirtschaft und Industrie) einen wesentlich größeren Schätzanteil enthält.
Dieser neue Index liegt allerding doch erheblich unterhalb des Index für das BIP, was die Frage aufwirft, woher die zusätzlich positiven Kräfte gekommen sind, die den Abschwung des BIP im Jahr 2024 verhindert haben, obwohl der Index der gesamtwirtschaftlichen Produktion genau das anzeigt. Bruttoinlandsprodukt ist schließlich gesamtwirtschaftliche Produktion, was sonst? Angesichts des deutlichen Rückgangs der Produktion im produzierenden Gewerbe im Jahr 2024 ist die Stagnation des BIP im Jahr 2024, die vom Bundesamt gerade wieder in die Reihe des BIP hineinkorrigiert wurde, äußerst unplausibel. Auch der offiziell verkündete Anstieg (die Schätzung einer Berechnung) in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres kann sich sehr schnell in einen Rückgang verwandeln, wenn der industriellen Rezession nicht Einhalt geboten wird.
Wirtschaftspolitik ohne jedes Konzept
Dass große Wirtschaftsinstitute in den letzten Wochen ihre Wachstumsprognosen nach oben korrigieren, ist kein Wunder. Sie glauben fest an jede Zahl, die vom Bundesamt kommt und sind weiterhin davon überzeugt, dass nur neoliberale Angebotspolitik die Lösung sein kann. So haben sich auch unmittelbar nach der Wahl in Sachsen-Anhalt auch libertäre „Weise“ zu Wort gemeldet, die nichts mehr fürchten als eine Abkehr von der falschen Ausrichtung der Politik.
Das die Regierung nun die falsche Politik mit mehr Emotion (so der Bundeskanzler gestern) statt mit „Rationalität“ vortragen will, zeigt die Absurdität der gegenwärtigen Lage in voller Schönheit. Weil man aus ideologischen Gründen eine ernsthafte Diagnose der wirtschaftlichen Misere verweigert, vergrößert man den einmal gemachten Fehler. Wer nicht bereit ist, das Wort Nachfrage in den Mund zu nehmen, obwohl die Nachfrageschwäche offenkundig ist, bereitet den Weg dafür, dass die AfD auch auf Bundesebene demnächst die mit Abstand stärkste Partei wird.