Inflation, Teil III: Das Problem mit der Nullinflation

Ein Gastbeitrag von Robert Kreuzbauer

Wenn Inflation schlecht ist, dann klingt Nullinflation nach dem offensichtlichen Ideal.

Die Schwierigkeit beginnt erst, wenn man eine sehr einfache Frage stellt: Woher wüssten wir eigentlich, dass die Inflation wirklich null ist?

Das iPhone-Problem

Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Stellen Sie sich vor, das iPhone 16 kostet 1.000 Dollar und das iPhone 17 kostet 1.200. Das sieht aus wie eine Preiserhöhung von 20 Prozent.

Doch welcher Anteil dieses Anstiegs ist tatsächlich Inflation, und welcher schlicht bessere Qualität? Das neue Gerät hat vielleicht eine bessere Kamera, einen schnelleren Chip, einen stärkeren Akku, ein besseres Display, mehr Speicher. Mit anderen Worten: Zahlen Sie mehr für dasselbe Telefon, oder mehr für ein besseres?

Stellen Sie sich nun vor, das Statistikamt müsse entscheiden, wie viel von diesen zusätzlichen 200 Dollar als „reine Inflation“ zählt und wie viel als Qualitätsverbesserung.

Angenommen, es schätzt:

•               Qualitätsverbesserung: 15 Prozent

•               Inflation: 5 Prozent

Aber was, wenn diese Schätzung falsch ist? Was, wenn die wahre Aufteilung in Wirklichkeit so aussah:

•               Qualitätsverbesserung: 18 Prozent

•               Inflation: 2 Prozent

Dann ist die gemessene Inflation bereits zu hoch. Und wenn eine Zentralbank diese Zahl so behandelt, als wäre sie ein präzises Abbild der Wirklichkeit, reagiert sie womöglich viel zu hart. Sie hebt die Zinsen nicht deshalb an, weil die Inflation wirklich davonläuft, sondern weil die Messung selbst das Problem übertrieben hat.

Der Punkt betrifft nicht nur Smartphones. Produkte ändern sich, Dienstleistungen ändern sich, Qualität ändert sich, und Statistikämter müssen ständig Ermessensentscheidungen treffen. Nullinflation klingt also nur dann sauber, wenn man vergisst, dass das Gemessene selbst alles andere als sauber ist.

Wer in einer Welt, in der Inflation ohnehin schwer zu messen ist, buchstäblich auf null zielt, glaubt vielleicht, er strebe Stabilität an, treibt die Wirtschaft in Wahrheit aber in eine unnötige Schwäche, einfach weil die Zahl selbst weniger präzise ist, als sie aussieht.

Das ist der erste Grund, warum Nullinflation eine Falle ist. Aber es gibt zwei weitere Gründe, warum eine kleine positive Inflationsrate sinnvoll ist.

Warum ein wenig Inflation Spielraum zum Anpassen lässt

Angenommen, das normale Produktivitätswachstum beträgt 1,5 Prozent pro Jahr, und die Zentralbank strebt eine Inflation von 2 Prozent an. Dann wäre das damit verträgliche normale nominale Lohnwachstum:

•               Produktivitätswachstum: 1,5 Prozent

•               Inflationsziel: 2,0 Prozent

•               normales Lohnwachstum: 3,5 Prozent

Nun stelle man sich vor, 2024 träfe ein großer Ölschock ein. Die Preise springen, Gewerkschaften verlangen Ausgleich, und die Löhne steigen nicht um 3,5 Prozent, sondern um 5,5 Prozent.

Also im Jahr 2024:

•               normales Lohnwachstum wäre: 3,5 Prozent

•               tatsächliches Lohnwachstum ist: 5,5 Prozent

•               Überschreitung also um: 2,0 Prozent

Genau darin liegt das Problem. Das Lohnwachstum liegt jetzt 2 Prozentpunkte über dem Pfad, der normalerweise mit Produktivität plus Inflationsziel vereinbar wäre.

Wie kommt man wieder auf Kurs?

Bei 2 Prozent Inflation kann man das schrittweise tun. Im Jahr 2025 muss man die Löhne nicht senken; man lässt sie einfach deutlich langsamer steigen, zum Beispiel nur um 1,5 Prozent.

Also im Jahr 2025:

•               normales Lohnwachstum: 3,5 Prozent

•               vorübergehendes Lohnwachstum zur Anpassung: 1,5 Prozent

•               Korrektur: minus 2,0 Prozent gegenüber dem normalen Pfad

Angenehm ist das nicht. Doch nach einem Jahr, in dem die Löhne um 5,5 Prozent gestiegen sind, akzeptieren Arbeitnehmer 1,5 Prozent womöglich immer noch leichter als eine offene Lohnkürzung.

Und dann gibt es noch ein drittes Problem.

Warum Null den Kampf gegen Rezessionen erschwert

Nehmen wir an, die Wirtschaft rutscht in eine Rezession. Die Zentralbank möchte dann üblicherweise die Zinsen senken, um Kreditaufnahme, Konsum und Investitionen zu stützen.

Warum? Weil niedrigere Zinsen Hypotheken billiger machen, Kredite billiger machen und Investitionsvorhaben leichter rechtfertigbar werden. Das löst nicht jede Rezession. Aber es ist einer der wenigen Hebel, die Zentralbanken tatsächlich in der Hand haben.

Eine Klarstellung ist hier wichtig. Der Zins, den die Zentralbank festlegt, ist ein nominaler Zins, also der Zins, den man tatsächlich sieht, wenn man Geld aufnimmt oder verleiht. Und in normalen Zeiten gilt: Je höher die Inflation, desto höher liegen auch die Nominalzinsen. Der Grund ist einfach. Wenn die Preise um 2 Prozent steigen, möchten Kreditgeber keinen Zinssatz, bei dem sie am Ende real ärmer dastehen. Genau das aber geschähe, wenn ihre Zinseinnahmen langsamer wüchsen als die Preise.Ist die Inflation also sehr niedrig, starten auch die Nominalzinsen tendenziell von einem niedrigeren Niveau.

Und genau dort beginnt das Problem. Betrachten wir zwei Welten.

In der ersten Welt:

•               Inflation: 2 Prozent

•               Zinssatz: 4 Prozent

Schwächt sich die Wirtschaft stark ab, kann die Zentralbank senken:

•               von 4 auf 3

•               von 3 auf 2

•               von 2 auf 1

•               vielleicht sogar in die Nähe von 0

Sie hat Spielraum zu reagieren.

In der zweiten Welt:

•               Inflation: 0 Prozent

•               Zinssatz: 1 Prozent

Trifft eine Rezession ein, kann die Zentralbank nur senken:

•               von 1 auf 0

Null klingt also sauber. In der Praxis macht es das System spröde.

Und sobald man das sieht, wird die nächste Frage unausweichlich. Nach Corona verlagerte sich die Debatte zunehmend auf die Frage, wie viel Spielraum Unternehmen eigentlich haben, die Preise aus eigenem Antrieb anzuheben. Dies lief häufig unter dem Etikett „Gierflation“: die Vorstellung, Firmen hätten die allgemeine Erwartung steigender Preise als Deckung genutzt, um sie weiter zu erhöhen.

Ob und in welchem Maß diese Erklärung trägt, ist die Frage, der ich mich im nächsten Beitrag widmen werde.