Die Aufregung um die Ölpreise ist wieder einmal enorm. Wenn man sich erdreistet, für Gelassenheit zu plädieren (was ich getan habe), ist ein shitstorm unausweichlich. In einer Welt, von der immer noch viele behaupten, sie bewege sich rasch auf eine Transformation zu, die zum vollständigen Verzicht von fossilen Energieträgern führen wird, sind die Leute (bzw. diejenigen, die behaupten, sie seien das Sprachrohr der „Leute“) durch kaum etwas mehr auf der Palme zu bringen als von hohen Spritpreisen.
Wenn man gar sagt, der reale Ölpreis sei nicht höher als vor einigen Jahrzehnten, sind viele vollkommen außer sich und geben sofort ihren Verstand an der Garderobe ab. Dabei ist es offensichtlich: Wenn ich wissen will, wie hoch die Belastung durch steigende Benzin- und Dieselpreise ist, muss ich den Preis für Kraftstoffe in Beziehung setzen zu dem, was ich gerade verdiene. Darauf folgt, dass man mindestens auf einen sogenannten realen Preis schauen muss, um die Belastung von heute im Vergleich zur Vergangenheit einzuschätzen (beim realen Preis wird in jedem Jahr vom laufenden Ölpreis die Inflationsrate abgezogen). Im folgenden Bild ist das von der amerikanischen Administration gemacht worden.

Das Ergebnis, der sogenannte reale Preis war selbst im Jahr 2022 (das Jahr ist durchaus mit dem derzeitigen Niveau vergleichbar) deutlich niedriger als etwa zu Beginn der 1980er Jahre. Doch diese Art der Inflationsbereinigung reicht eigentlich nicht. Die Masseneinkommen steigen nicht nur wie die Inflationsrate, sondern meistens etwas schneller, weil die Zuwachsrate der Produktivität noch hinzukommt.
Im Atlas der Weltwirtschaft für die Jahre 2022 und 2023 haben wir ausgerechnet, wie viele Minuten man in der Vergangenheit arbeiten musste, um einen Liter Benzin zu kaufen. Das ist die Rechnung, die man aufmachen muss, wenn man ernst genommen werden will.
Das Ergebnis ist eindeutig: Obwohl auch 2022 der Centpreis für den Liter Benzin bei fast 2 Euro lag, war dieser reale Belastungspreis nicht höher als 2012, 2008 oder 1982. Er war aber viel niedriger als in den 1960er Jahren, wo in absoluter Rechnung unter 40 Cent für einen Liter Benzin gezahlt wurde.

Wenn man ein solches Bild vor Augen hat, relativiert sich die Aufregung doch ganz erheblich. Es spricht auch vieles dafür, dass es dieses Mal keine langanhaltende Hausse der Ölpreise geben wird. Der wichtigste Grund: Trump und seine Republikaner können sich einfach keinen hohen Ölpreis leisten, weil sie mit hohen Ölpreisen die Mid-term-Wahlen Anfang November haushoch verlieren werden. Gewinnen die Demokraten die Mehrheiten in beiden Kammern des Repräsentantenhauses, ist Trump eine lame duck und kann nichts von Bedeutung mehr durchsetzen. Auch die Wiederwahl eines Republikaners zwei Jahre später könnten sie dann wohl vergessen.
Man sieht an der aktuellen Aufregung aber auch, dass jeder Versuch einer Regierung oder gar der internationalen Staatengemeinschaft, den realen Ölpreis auf Dauer zu erhöhen, um einen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern zu erreichen, illusorisch ist, solange die wirtschaftlichen Verhältnisse für die Masse der Bevölkerung nicht besser werden. Nur wer wirtschaftlich außerordentlich erfolgreich ist, kann sich erlauben, eine solche politisch geplante Belastung durchzusetzen. Was nichts anderes heißt, als dass nur mit erfolgreicher Wirtschaftspolitik eine Chance besteht, Klima- oder Umweltpolitik durchzusetzen. Alle, die die Welt retten wollen, sollten sich schleunigst auf den Hosenboden setzen, um relevante Ökonomik zu studieren.