Argentinien: Warum einfache Zahlen klare Urteile zulassen

Es ist kaum zu fassen, was alles zu Argentinien und seinem libertären Präsidenten verbreitet wird. Der Artikel, den Patrick Kaczmarczyk und ich vor einiger Zeit geschrieben haben, hat für besonders viel Resonanz gesorgt. Einige (wie Poschardt und Stelter, ab Minute 17) glaubten gar, dass sie sich mit der Sache nicht mehr auseinandersetzen müssen, wenn sie nur das Medium, wo dieser Artikel unter anderem erschienen war (nämlich bei Surplus; er ist aber auch auf dieser Seite und bei Makroskop publiziert worden) diskreditieren. Das ist unglaublich billig.

Aber auch in den diversen Foren, die den Artikel und einen Folgeartikel von Patrick Kaczmarczyk in der ZEIT besprechen, findet man unglaublich viele Missverständnisse, die sich leicht ausräumen ließen, wenn alle einmal zuhören würden. Richtige Ideologen wollen sich nicht überzeugen lassen, aber es sicher gibt eine Reihe von Menschen, die ein wirkliches Interesse daran haben, zu verstehen, was in dem Land vor sich geht. Also mache ich noch einmal einen absolut sachlichen Versuch.

Vier Argumente werden nach meiner Beobachtung immer wieder vorgebracht, wenn es um die „Erfolge“ von Präsident Milei geht:

  1. Milei habe eine katastrophale wirtschaftliche Situation (nach 20 Jahren fast durchgängig linker Regierungen) vorgefunden und könne deshalb nicht allein für die Lage verantwortlich gemacht werden.
  2. Milei habe immerhin das Staatsdefizit zum Verschwinden gebracht (etwa hier).
  3. Milei habe die Inflationsrate entscheidend gesenkt.
  4. Der IWF weise für Argentinien für 2025 ein beachtliches BIP-Wachstum aus und erwarte für 2026 einen ähnlich hohen Wert, das dürfe man doch nicht ignorieren.

Zu 1.: Das ist vollkommen unbestritten. Ich bin der Letzte, der glaubt, dass linke Regierungen, zumal in Lateinamerika, vernünftige und angemessene Wirtschaftspolitik betreiben. Die Linke in Lateinamerika weiß ungefähr genauso wenig über relevante Ökonomik wie die Konservativen. Die Linke war oft nur deswegen die Linke, weil sie ab und an ein paar Dollars oder Pesos unter den Ärmeren in der Bevölkerung verteilt hat. Venezuela unter Chavez war dafür ein grandioses Beispiel: Immer mal wieder ein paar Dollars aus den Öleinnahmen für das Volk, aber ansonsten eine katastrophal schlechte Wirtschaftspolitik. Die „linken“ Kirchners in Argentinien haben sogar die Inflationsraten manipuliert, um dem Volk zu verheimlichen, wie schlecht es ihm geht. Auch dazu unten mehr.

Zu 2.: Das stimmt. Das Staatsdefizit mit Gewalt zum Verschwinden zu bringen, mag man als politische Großtat feiern, aber es ist wirtschaftspolitischer Unfug, wenn an die Stelle des Staates nicht die Unternehmen treten, die dafür sorgen, dass aus Ersparnissen Investitionen werden. Das ist in Argentinien, wie weiter unten gezeigt, gerade nicht der Fall.

Zu 3.: Die Inflationsrate hat nicht Milei gesenkt. Die Inflationsrate liegt nicht in den Händen einer Regierung. Sie wird, wie auf dieser Seite immer wieder gezeigt, in viel stärkerem Maße als von der Fiskal- und der Geldpolitik von den Institutionen bestimmt, die die Lohnverhandlungen prägen. In Argentinien gibt es eine strenge Indexierung der Löhne an die aktuelle Inflationsrate. Das ist eine schwere Belastung für die Politik, denn das heißt, wann immer es einen externen Schock gibt, also etwa eine Erhöhung des Ölpreises, steigt die Inflationsrate und unmittelbar danach werden die Löhne an die höhere Inflationsrate angepasst. Das führt logischerweise dazu, dass die Inflationsrate sehr schnell und sehr stark steigt, wenn es einmal einen solchen Schock gegeben hat. Umgekehrt gilt aber auch, dass die Inflationsrate sehr schnell sinkt, wenn es einen umgekehrten Schock gibt, also etwa einen Rückgang der Ölpreise.

Die Abbildung 1 zeigt, dass der Verlauf der Inflationsrate (bei einem ungleich höheren Niveau) vergleichbar ist dem Inflationsverlauf in Deutschland und den USA. Allerdings geht es viel schneller nach oben und viel höher, weil es keine Bremse in der Indexierungsmaschinerie gibt, bis sich der externe Schock umkehrt.

Abbildung 1

Quelle: IWF, Dank an Erik Münster für die Hilfe

Milei kam im Oktober 2023 an die Macht, als die Inflation fast ihren Höhepunkt erreicht hatte, wie die Abbildung 2 zeigt (Quelle auch hier INDEC). Die monatlichen Raten, die den jährlichen vorauslaufen, sind praktisch genau mit der Präsidentenwahl (sogar ein wenig vorher) nach unten gekippt. Die kann Milei unmöglich beeinflusst haben.

Abbildung 2

Die Lohnentwicklung zeigt exakt das gleiche Bild. Die monatlichen Raten sinken im gleichen Augenblick wie die Inflationsrate. Das ist die Folge der strengen Indexierung. Mit der Regierungspolitik hat das absolut nichts zu tun. Die Regierung hat auch nichts in Sachen Inflationsbekämpfung getan, die Zinsen etwa wurden durchgängig gesenkt.

Abbildung 3

Wenn die Regierung für etwas verantwortlich ist, dann für das, was nach dem Absturz passierte. Damit sind wir bei der heutigen Situation. Die Abbildung 4 (Original von INDEC, wie alle anderen Graphiken in Spanisch) zeigt die Entwicklung der Inflationsrate vom April 2025 bis März 2026 (monatlich und jährlich). Seit Mai 2025 steigt die Inflationsrate wieder leicht an, was insbesondere – und wieder weit vor den jährlichen Raten – die monatlichen Raten zeigen. Im vergangenen Monat waren es über 3 Prozent von Monat zu Monat.

Abbildung 4

Das ist noch keine Katastrophe nach argentinischen Maßstäben, muss aber für jeden vernünftigen Menschen ein klares Zeichen dafür sein, dass die Regierung in Sachen Inflationsbekämpfung bisher nichts erreicht und auch kein Konzept hat, denn es gibt keine Anzeichen (und keine Maßnahmen der Regierung), die vermuten lassen, an dieser Situation werde sich in Kürze oder im nächsten Jahr etwas ändern. Sollte es in diesem Frühjahr zu einer neuen Ölpreiserhöhung kommen, wird die Inflationsrate wieder sehr schnell steigen.

Zu 4.: Ich habe eine einfache Regel bei der Beurteilung von Zahlen aus der Statistik und amtlich verkündeten und von der Administration berechneten Werten. Ich vertraue immer zuerst der Statistik und misstraue allen offiziellen Berechnungen. Ich erinnere nur an den deutschen Statistik-Skandal, der keiner sein durfte (wie hier gezeigt). Drei Jahre lang hat das Statistische Bundesamt die Politik und die Öffentlichkeit in die Irre geführt und eine Rezession ausgeschlossen, obwohl die statistischen Indikatoren eindeutig eine Rezession anzeigten. Dem IWF traue ich noch viel weniger als dem deutschen Statistikamt, weil er besonders im Fall Argentinien ganz offen eine politische Agenda hat (wie hier gezeigt).

Die statistischen Indikatoren sind wiederum eindeutig. Die argentinische Wirtschaft befindet sich in den beiden Bereichen, auf die es bei einer Erholung der Wirtschaft und der Investitionstätigkeit besonders ankommt, nämlich in der Industrie und in der Bauwirtschaft, in einer schweren Rezession.

In einer Veröffentlichung vom 9. April zeigt INDEC, dass die Industrieproduktion im Februar dieses Jahres massiv eingebrochen ist (Abbildung 5). Der Originalwert (die gepunktete Kurve) ist sage und schreibe auf einen Wert von 100 gefallen. Und das bei einem Index, dessen Basiswert 2004=100 ist. Das ist ungeheuerlich: Die Industrieproduktion ist heute nicht höher als 2004! Das zeigt erneut, dass alle Regierungen seit Beginn des Jahrhunderts versagt haben.

Aber es ändert nichts daran, dass Milei keinerlei Konzept hat, wie er diese Wirtschaft besser als seine Vorgänger in den Griff bekommt. Seit Anfang 2024 bewegt sich die Industrieproduktion (saisonbereinigt, die graue Kurve) auf einem sehr niedrigen Niveau (nur vom Corona-Schock unterboten) und es gibt nichts, was darauf hindeutet, dass hier eine Besserung in greifbarer Nähe wäre, weil es keinen Indikator dafür gibt, dass diese Wirtschaft von irgendeiner Seite positive Impulse erhält.

Abbildung 5

Fast noch schlimmer ist es in der Bauwirtschaft (Abbildung 6). Hier ist zwar das Niveau der Produktion höher, aber der Absturz im Gefolge der Machtübernahme von Milei war noch größer. Auch hier war nur der Corona-Schock noch schlimmer.

Abbildung 6

Das sind einfache und eindeutige Ergebnisse. Es mag Bereiche der argentinischen Wirtschaft geben, wo es aus irgendwelchen Gründen besser läuft, etwa in der Landwirtschaft oder bei der Förderung und Verarbeitung von Rohstoffen. Das ist aber nicht der Punkt, um den es geht. Wenn eine Regierung antritt, um die Marktwirtschaft zu erneuern und einer Wirtschaft neuen Schwung zu geben, muss es ihr gelingen, vor allem die Bereiche zu beleben, die in jeder Volkswirtschaft die wichtigsten Träger von Investitionstätigkeit und Produktivität sind. Das sind die Industrie und die Bauwirtschaft.

Fazit

Wenn Industrie und Bauwirtschaft nach zweieinhalb Jahren am Boden liegen, die Inflationsrate bei über 30 Prozent pro Jahr mit steigender Tendenz liegt, die Zinsen sich bei 30 Prozent eingependelt haben und die Währung überbewertet ist, hat die Regierung eklatant versagt.

Man muss sich einmal vorstellen, mit welcher Wucht deutsche Konservative auf die Barrikaden gehen würden, wenn die deutsche Inflationsrate nur auf über drei Prozent pro Jahr steigen und die Zinsen deutlich nach oben gehen würden. Käme hinzu, dass die deutsche Industrie nicht nur schwächelte, sondern einbräche und die Bauwirtschaft auf extrem tiefem Niveau nicht von der Stelle käme, würden sie jede Regierung, ohne eine Sekunde zu zögern, für gescheitert erklären. Wer jedoch nicht einmal versucht, seine Maßstäbe halbwegs beizubehalten, kann leider nicht ernst genommen werden.