Wirtschaftswoche: USA vorne, Europa hinten – aber ohne Erklärung

Ein Leser hat mir dankenswerterweise einen Leitartikel aus der Wirtschaftswoche geschickt, der sich mit dem 250-jährigen Jubiläum der US-Verfassung auseinandersetzt. Unter dem Titel „Forever Young“ werden die USA in den Himmel gelobt und mit anderen Weltregionen, insbesondere mit der Europäischen Union verglichen, die hoffnungslos zurückhängen. 

Beim realen Wachstum der letzten Jahre (2022 bis 2027 inklusive Prognosen), so die Wirtschaftswoche, sei Europa nur auf die halbe Rate der USA gekommen und Deutschland gar nur auf ein Sechstel. Das ist vollkommen richtig und auch in Sachen Arbeitslosigkeit und Beschäftigung sind die USA eindeutig in einer viel besseren Situation als Europa. 

Der Text der WirtschaftsWoche besteht allerdings aus einer wilden Aneinanderreihung von Einzelbeispielen ohne den geringsten Versuch, systematisch zu verstehen, was die USA anders und besser machen. Eine Makroebene gibt es im Text nicht. 

Unter den Indikatoren, die von der Zeitung weitgehend kommentarlos gezeigt werden, sind sogar die stark steigenden amerikanischen Staatsschulden in Prozent des BIP, aber für die ganze Argumentation im Text spielen sie keine Rolle. Auch das viel weitere Mandat der Geldpolitik in den USA kommt nicht vor. Ohne die wichtigsten Makroindikatoren aber ist es unmöglich, auch nur im Ansatz zu erklären, wie es kommt, dass die USA weit erfolgreicher als Europa sind. 

Ich muss noch ein Missverständnis ausräumen. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich die USA regelmäßig wegen ihrer Wirtschaftspolitik lobe, obwohl es in dem Land erkennbar viele soziale Missstände gibt. Das eine ist nicht unmittelbar mit dem anderen verbunden. Doch in den USA dominiert eine ganz andere Vorstellung von der sozialen Aufgabe des Staates: Man lehnt zwar Sozialpolitik in weiten Teilen ab, aber der Staat hat unmittelbar (und sogar die Geldpolitik, was in Deutschland undenkbar wäre!) dafür zu sorgen, dass es ausreichend viele Jobs gibt. Der Rest wird jedem einzelnen überlassen. 

Man kann lange darüber streiten, welche Position angemessen ist. Ich bin überzeugt davon, dass die USA, gerade weil sie erfolgreich Makropolitik betreiben, sich auch eine großzügigere Sozialpolitik ohne weiteres leisten könnten, ohne die makroökonomischen Erfolge zu gefährden. Für Europa heißt das, dass es seine sozialen Errungenschaften nicht abbauen muss, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sondern dass es lernen muss, was erfolgreiche Makropolitik bedeutet. 

Zur weiteren Erläuterung verweise ich auf drei Papiere, die in den vergangenen beiden Jahren erscheinen sind:

  1. Ein direkter Vergleich USA-Europa
  2. Die Frage der Staatsschulden in den USA
  3. Geldpolitik in den USA

Viel Material dazu gibt es auch in meinem Grundlagenbuch.