Ich habe vor einigen Tagen schon relativ allgemein über Ungleichgewichte im internationalen Handel geschrieben. Nun wird immer heftiger das chinesische Ungleichgewicht diskutiert, das, so viele Auguren, die Weltwirtschaft und Deutschland massiv bedroht. Viel nennen es auch das chinesische Ungleichgewicht 2.0.
In der Tat, China hat, nach einigen Jahrzehnten eines relativ ausgeglichenen Handels in den letzten Jahren wieder einen größeren positiven Saldo aufzuweisen. Der Internationale Währungsfonds schätzt für das vergangene Jahr einen Leistungsbilanzüberschuss von 3,7 Prozent, nachdem der Überschuss seit 2010 immer in der Größenordnung von 2 Prozent gependelt hatte. Damit ist China aber immer noch weit von den Höchstwerten der Jahre 2007/2008 entfernt, als nahezu 10 Prozent erreicht worden waren.
Ich habe im vergangenen November zu dem Thema ein Stück veröffentlicht, aus dem ich hier einige Teile wiedergebe. Dazu gibt es ganz am Ende eine aktuelle Ergänzung.
„In diesen Tagen kommen jedoch immer neue Befunde auf, die zeigen sollen, dass China zu einer wirklichen Bedrohung für die Weltwirtschaft wird. Die Financial Times etwa zeigt eine Graphik, wo China zum ersten Mal seit 2010 einen Überschuss gegenüber Deutschland im Handel mit Investitionsgütern aufweist. Das sieht sehr beeindruckend aus – und ist doch weitgehend normal. Brad Setser macht beim Council of Foreign Relations eine große Story auf, die darauf hinausläuft, dass der rasch steigende chinesische Handelsbilanzüberschuss ein weltweites Problem ist, doch auch das ist wenig überzeugend.
Das Bild in der Financial Times ist auch insofern beeindruckend, als es zeigt, dass in all den Jahren seit 2010 Deutschland einen gewaltigen Überschuss im Handel mit China aufwies. Den haben in Deutschland wohl alle für ein normales Ergebnis der deutschen Überlegenheit gehalten. Nun ist er weg und im deutschen Untergrund grummelt es, dass es wohl nicht mit rechten Dingen zu gehen kann, wenn sich auf einmal die Chinesen erdreisten, uns auf unseren Spezialgebieten von den Weltmärkten verdrängen zu wollen.
Ich habe dabei déja-vue Erlebnisse, weil es schon einmal in Deutschland eine Phase gab, wo man panische Angst vor einem asiatischen Konkurrenten hatte, der sich aber im Laufe der Zeit als zahnloser Tiger erwies. Anfang der 1980er Jahre fuhr der damalige deutsche Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff nach Japan und kam mit dem Befund zurück, wir müssten alle herkömmlichen Vorstellungen von Wirtschaft über den Haufen werfen, weil die Japaner dabei seien, uns zu überrennen.
Eine chinesische Bedrohung?
Setser stützt sich zunächst auf eine Graphik, die zeigt, dass in Prozent des chinesischen BIP der Exportüberschuss bei verarbeitenden Produkten (manufacturing) heute deutlich größer als in den letzten Jahren ist. Daran kann kein Zweifel bestehen, aber sehr erstaunlich ist doch, dass der Überschuss immer noch erheblich kleiner als zu Beginn des Jahrhunderts ist. Wir erinnern uns: Zu Beginn des Jahrhunderts waren es vor allem westliche Unternehmen, die in China superbillig produzierten und von dort in die ganze Welt exportierten. Weil man deutsche Hochtechnologie mit niedrigen chinesischen Löhnen kombinierte, konnte man unglaublich günstig verkaufen und auch noch hohe Gewinne einstreichen. Darüber hat sich niemand aufgeregt, weil es die „guten“ westlichen Pionierunternehmen in China waren, die davon profitierten.
Wenn China jetzt wieder einen steigenden Handelsüberschuss aufweist, wird der natürlich (und selbstverständlich) nicht mehr von so vielen westlichen Unternehmen getragen wie damals. Und nun, wer kann es glauben, exportiert China seit ein paar Jahren sogar mehr Automobile als zuvor und sogar mehr Automobile als Japan, das bisher an der Weltspitze stand. Nur, was ist daran besonders? Ein Land, das wesentlich größer als Japan ist, überholt nach vielen Jahrzehnten den Nachbarn, weil es ihm gelungen ist, technologisch aufzuholen, also genau das zu tun, was jeder vernünftige Mensch einem erfolgreichen Entwicklungsland erwartet. Doch die Wut der Überholten ist unübersehbar. Es spricht einiges dafür, dass die neue japanische Regierung auch aus solchen Gründen die politischen Spannungen mit China schürt.
Auf den ersten Blick beeindruckend ist auch eine Graphik, in der Setser die chinesischen Überschüsse beim Manufacturing in Beziehung zum globalen BIP setzt. Heraus kommt, dass der chinesische Überschuss in den vergangenen Jahren weit jenseits der Überschüsse von Japan und Deutschland liegt. Japan hatte in seinen besten Zeiten (1980er Jahre) einmal einen Überschuss von einem Prozent des globalen BIP erzielt, Deutschland war 2009/2010 nur auf 0,5 Prozent gekommen, während China jetzt fast zwei Prozent erreicht. Die USA haben ein Defizit von mehr als einem Prozent. Nur, was sagt uns das? Ein Volk, dessen Einwohnerzahl fast zehn Mal so hoch ist wie die japanische und fünfzehn Mal so hoch wie die deutsche, überholt beide Länder in absoluten Größen (im Verhältnis zum globalen BIP). So what?
Setser handelt bis zu der Stelle nur mit den Handelsbilanzdaten, nicht aber mit der Leistungsbilanz, die nach Daten des IWF für China zuletzt nur mit einem Überschuss in der Größenordnung von 2 Prozent zum chinesischen BIP abschließt. Letztlich ist es jedoch immer nur die Leistungsbilanz, die ein wirkliches Ungleichgewicht im Handel anzeigen kann, denn Dienstleistungen sind per se nicht schlechter als Güter.
Das spielt Setser herunter, nennt es statistical shenanigans (statistische Spielereien), aber ohne ein wirklich durchschlagendes Argument zu besitzen, warum die Schätzungen zum Leistungsbilanzdefizit so ungenau sein sollen. Das Leistungsbilanzdefizit in Prozent des jeweiligen BIP ist ohne Zweifel die einzige Kennzahl, die relevant ist und der IWF hat ein Monopol bei der Berechnung dieser Größen.
Die politische Antwort
Bei einer vernünftigen politischen Bewertung der chinesischen Erfolge muss man auch weiterhin zur Kenntnis nehmen, dass China als aufholende Volkswirtschaft immer noch absolute Kostenvorteile besitzt. Sein Lohnniveau liegt immer noch deutlich niedriger als im Westen. Wenn es ihm gelingt, die Technik des Westens einzusetzen oder zu kopieren, wird sich noch einige Jahre an dieser Konstellation nichts ändern. Das gilt insbesondere für die Industrie. Daher sind auch fast alle Klagen über Dumping aus China unberechtigt.
(Siehe zur Lohnfrage in China eine weitergehende Erläuterung am Ende)
Auch von einem aufholenden Land könnte man allerdings verlangen, dass es seine Leistungsbilanz weitgehend ausgleicht – wenn man selbst dazu bereit wäre. Deutschland als oberster Merkantilist scheidet hier von vorneherein aus. Wer über zwanzig Jahre lang extrem hohe Leistungsbilanzüberschüsse sein Eigen nannte und darauf auch noch stolz war, hat jedes Recht, andere Länder wegen steigender Überschüsse zu kritisieren, verspielt. Das gilt auch für die EU insgesamt, die ihre (deutschen) Überschüsse verteidigt.
Zu beachten ist auch, dass im Zuge der Aufwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar auch die chinesische Währung gegenüber Europa abgewertet hat. Wer an den Währungsverhältnissen etwas ändern will, müsste allerdings ein weit größeres Rad drehen, als es irgendjemand in Europa derzeit könnte. So wird die EU-Kommission auch in den nächsten Jahren gegenüber China mit Zöllen arbeiten, die auf ungerechtfertigten Dumping-Vorwürfen beruhen. Wie immer in der Geschichte werden sich die reichen Länder mit Händen und Füßen gegen eine Entwicklung wehren, die lediglich zeigt, dass klug geführte Entwicklungsländer durchaus eine Chance haben, sich gegen die westlichen Platzhirsche durchzusetzen.“
Soweit der Text von vor 6 Monaten.
Hier eine aktuelle Ergänzung:
Die Lohnproblematik in China ist allerdings weitgehend unverstanden, vermutlich selbst in China, wenn man die Beiträge einiger chinesischer Funktionäre zur Kenntnis nimmt. Vollkommen unverstanden ist es bei den westlichen Ökonomen. Die haben einfach keinen Zugang zu dieser Frage, weil sie immer noch an das Märchen von den komparativen Vorteilen glauben, die ein Entwicklungsland haben soll. Absolute Vorteile sind in der herrschenden neoklassischen Handelstheorie per Annahme ausgeschlossen.
China ist, anders als die westlichen Länder, mit denen es konkurriert, nur in einigen Bereichen auf der Höhe der westlichen Technik. Auf die gesamte Volkswirtschaft gesehen, ist das Niveau der Produktivität in China noch weit geringer als im Westen. Die Schätzungen variieren stark, aber es ist sicher weniger als die Hälfte im Vergleich zu Deutschland und in einheitlicher Währung gerechnet.
Folglich ist das chinesische Lohnniveau insgesamt auch viel niedriger als im Westen, denn die Löhne müssen sich an die Produktivität anpassen. Unterstellt man, was realistisch ist, dass sich auch in China die Löhne für vergleichbare Arbeit nicht weit auseinanderentwickeln, ganz gleich, in welchem Sektor die Menschen arbeiten, gibt es ein niedriges Lohnniveau auch in den Sektoren, die inzwischen die höchste westliche Technologie anwenden. Dort können chinesische oder westliche Unternehmen folglich relativ niedrige Löhne mit hoher Produktivität kombinieren. Die Lohnstückkosten sind folglich sehr niedrig. Alle Produktion in China (westliche oder chinesische), die eine solche Kombination realisieren kann, ist sehr wettbewerbsfähig. Man kann die Preise stärker senken als die Konkurrenz oder man macht wesentlich höhere Gewinne pro Stück bei unveränderten Preisen.
Dieser absolute Vorteil hat nichts mit Dumping oder staatlichen Subventionen zu tun, sondern ist schlicht Ausdruck des realen Rückstandes, den die chinesische Volkswirtschaft immer noch hat. Dieser Vorteil wird zwar im Zeitverlauf immer kleiner, je mehr sich das chinesische Lohnniveau dem des Westens annähert, aber für zehn bis zwanzig Jahre wird er wohl noch existieren. Auch Länder wie Japan oder Korea hatten diesen Vorteil und haben ihn wieder verloren. China ist allerdings um einiges größer und sollte daher durchaus von der Staatengemeinschaft aufgefordert werden, alles zu tun, um trotz dieses Vorteils nicht dauerhaft hohe Leistungsbilanzüberschüsse aufzuweisen. Eine gewisse reale Aufwertung der eigenen Währung zuzulassen, ist die wichtigste Maßnahme.