Der drohende Ölpreisschock: Was man wissen sollte

Ob es wirklich einen Ölpreisschock im Gefolge des Irankrieges geben wird, wissen wir noch nicht. Es kann auch sein, dass sich die Lage nach einigen Tagen beruhigt, weil weder die USA noch Israel eine Ahnung haben, wie es weitergehen soll, wenn sie alle manifesten Ziele im Iran zerstört haben. Behält der Iran trotz der Angriffe die Fähigkeit, den internationalen Ölhandel massiv zu stören, kann es jedoch ganz anders kommen. Dann gibt es erneut das, was man üblicherweise eine Öl- und Gaspreisexplosion nennt. 

Das kennen wir schon und es sollte keine Schwierigkeit sein, aus den Erfahrungen der Vergangenheit die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen und die Auswirkungen eines solchen Schocks in engen Grenzen zu halten. Doch wer das glaubt, hat die Rechnung ohne die orthodoxen Ökonomen gemacht. Die haben auch 50 Jahre nach dem großen Schock in den 1970er Jahren nicht begriffen, was Sache ist und reden schon wieder von Inflation, auf die die Geldpolitik glaubwürdig und hinreichend entschlossen reagieren müsse, „um eine erneute Inflationsdynamik zu verhindern“ (wie hierVeronika Grimm). Lars Feld spricht davon, die „Inflation“ könne um einen Punkt steigen. Der Neu-Weise Felbermayr fordert jetzt schon die EZB auf, im Fall der Fälle schnell mit Zinserhöhungen zu reagieren.

Was passiert bei einem Ölpreisschock?

Das ist alles einfach daher gesagt, weil die Mechanismen hinter einem Preisanstieg für Öl und Gas offensichtlich immer noch nicht verstanden werden. Im Folgenden daher noch einmal eine kleine Einführung in die makroökonomische Logik eines multiplen Schocks[1]

Der Knackpunkt ist das Zusammentreffen von „Inflation“ (besser von Preissteigerungen) im Gefolge von Angebotsschocks und von Spekulation bei bestimmten Rohstoffen und Energieträgern mit einer Abschwächung der Wirtschaft. In den 1970er Jahre sprach man von Stagflation. Weil das eine untypische Konstellation ist, muss man das beste analytische Instrumentarium auspacken und mit letzter Konsequenz anwenden. 

Zunächst ist festzuhalten, dass Angebotsschocks niemals automatisch eine Nachfrageschwäche auslösen können, weil die von diesen Schocks ausgelösten Preissteigerungen zwingend Einkommenseinbußen bei den Konsumenten und Einkommenssteigerungen für die Produzenten der knapp gewordenen Stoffe bedeuten. Es geht um einen Terms of Trade Schock, bei dem der eine gewinnt, was der andere verliert. Das bedeutet globalen Umverteilung von Einkommen, aber keineswegs automatisch einen globalen Nachfrageausfall. Die Realeinkommen, die bei uns durch hohe Energiepreise (bei nahezu unverändertem Verbrauch) vernichtet werden, sind steigende Realeinkommen bei den Rohstoff- und Energielieferanten.

Angesichts dieser Diagnose ist auch die neoklassische Ökonomik auf der sicheren Seite. Für alle Probleme, die jetzt noch auftauchen können, hat die neoklassische Theorie eigentlich eine klare Antwort – und eine, die weitgehend ohne staatliches Eingreifen auskommt. Betrachten wir drei verschiedene Fälle hinsichtlich der Nachfragereaktion der begünstigten Rohstoffproduzenten.

1. Die vom Angebotsschock begünstigten Akteure könnten exakt die gleichen Güter nachfragen, die von den jetzt benachteiligten Konsumenten gekauft worden wären. Dann ändert an der Produktion in den westlichen Industrieländern nichts, aber die Konsumenten von Öl und Gas sind ärmer und die Produzenten sind reicher geworden.

2. Die vom Angebotsschock begünstigten Produzenten kaufen zwar umsatzmäßig ebenso viele, aber andere Güter ein, als sie von den Konsumenten gekauft worden wären. Das bedeutet Strukturwandel, den man als Staat weitgehend hinnehmen muss, weil er auch von den privaten Unternehmen weitgehend friktionsfrei bewältigt werden kann. Bestimmte Arbeitsplätze fallen weg, andere entstehen neu.

Der dritte und entscheidende Fall: Sollte es allerdings so sein, dass die Energieproduzenten kurzfristig deutlich weniger Güter einkaufen, als es die energieverbrauchenden Konsumenten getan hätten, entsteht ein neues Problem. Dann sehen wir steigende Leistungsbilanzüberschüsse der Energieproduzenten und fallende der Energiekonsumenten, was tatsächlich jedes Mal in der Vergangenheit bei dieser Art von Schock der Fall war. Dann haben die von den Preissteigerungen Begünstigten Länder eine höhere Sparquote aufgewiesen als die benachteiligten Länder, was bedeutet, dass es nicht nur einen Einkommensschock und hohe Preise gibt, sondern zudem einen globalen Nachfrageschock geben könnte, der dem Angebotsschock unmittelbar folgt. 

In neoklassischer Sicht ist das jedoch noch kein unüberwindbares Problem. Steigende Ersparnisse bedeuten in der Theorie sogar eine Chance, weil mit Hilfe des vermehrten Sparens auch mehr investiert werden könnte. Wie das geschieht, ist für einen gut ausgebildeten Neoklassiker keine Frage: Höhere Ersparnisse führen zu einem steigenden Kapitalangebot auf den Kapitalmärkten der Welt. Das erzwingt sinkende Zinsen und die regen die Unternehmen an, mehr zu investieren. 

Einen gravierenden Nachfrageschock kann es deswegen in der neoklassischen Welt niemals geben, auch wenn eine Umverteilung zugunsten wohlhabender Akteure, die höhere Sparquoten aufweisen, die Folge eines Angebotsschocks ist. 

Genau an der Stelle steht allerdings die Realität der Neoklassik im Weg. Bisher hat es nach keinem Ölpreisschock sinkende Zinsen gegeben. Im Gegenteil. Immer sind die Zinsen gestiegen. Damit war und ist der neoklassische Nexus hinfällig. Die Folge waren jeweils schwere Rezessionen bei steigenden Preisen.

Warum sind die Zinsen gestiegen? 

Die Antwort ist einfach: Die Notenbanken, allen voran die Verantwortlichen in der EZB, tendieren dazu, jede Preissteigerung als „Inflation“ zu bezeichnen und ohne Rücksicht auf die Realwirtschaft zu bekämpfen. In den Jahren 2022 und 2023 haben fast alle Mainstreamökonomen und die Notenbanker exakt den gleichen Fehler wie in den 1970er Jahren gemacht. Sie haben die von dem Angebotsschock ausgelösten temporären Preissteigerungen sofort zu einer gefährlichen „Inflation“ uminterpretiert und auf diese Weise genau das Gegenteil von dem durchgesetzt, was für die neoklassische Theorie als Marktergebnis zwingend gewesen wäre.

Man hätte erwarten müssen, dass angesichts einer solchen politischen Reaktion die konservativen Ökonomen auf die Barrikaden gehen und die Notenbanken massiv kritisieren, weil die das Gegenteil von dem durchsetzten, was aus neoklassischer Sicher „richtig“, weil marktgetrieben gewesen wäre. Doch das geschah nicht. Kein namhafter Neoklassiker hat die Geldpolitiker für diesen irren Angriff auf die neoklassische Vernunft in die Mangel genommen. Lammfromm waren und sind sie alle und beglückwünschten die Notenbanker für ihre Konsequenz bei der „Inflationsbekämpfung“. 

Verrückt ist jedoch, anders kann man es nicht nennen, dass die Neoklassiker, selbst wenn sie sich nicht trauen, die Geldpolitik zu kritisieren, nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass im Falle einer durch steigende Ersparnis (der Rohstoff- und Energielieferanten) ausgelösten Nachfragelücke (weltweit, aber besonders in den „geschädigten“ Konsumentenländern) eine Zinserhöhung alles wesentlich schlimmer macht und nur schwer durch ein anderes wirtschaftspolitisches Mittel korrigiert werden kann. 

Neoklassiker, die von der Politik oder den Medien gefragt werden, was man gegen die Malaise tun kann, müssten antworten, dass nichts helfen wird, solange die absurde Konstellation von höheren Ersparnissen und gleichzeitig gestiegenen Zinsen nicht überwunden ist. Statt einen solchen theoretisch akzeptablen Standpunkt einzunehmen, sinnieren die Neoklassiker in dieser Situation über subventionierte Energie, bessere Abschreibungsregeln, allgemeine Steuersenkungen oder gar über Bürokratieabbau als geeignete Therapien. Was zeigt, dass sie die makroökonomische Dimension ihrer eigenen Theorie nicht verstehen. 

Steigende Preise sind nicht automatisch Inflation

Wenn die Preise steigen, gibt es noch lange keine Inflation. Erst wenn die Löhne den Preisen ohne Rücksicht auf Verluste folgen, kann Inflation entstehen (wie hier gezeigt). Wenn Regierungen und Notenbanken klar erkennen, dass das Entstehen von Inflation auf mittlere Frist ganz entscheidend von der Lohnentwicklung abhängt, müssen beide dafür sorgen, dass es zu einer expliziten Abstimmung zwischen der Geldpolitik und der Lohnpolitik kommt. Dabei muss von Seiten der Politik klargestellt werden, dass es sich bei einer Ölverteuerung um einen exogenen Schock handelt, für den keiner der Tarifpartner die Verantwortung trägt.

In der Vergangenheit gab es solche Modelle einer konzertierten Aktion zwischen Regierung und Tarifpartnern. Der entscheidende Vorteil liegt darin, dass man sich darauf einigen kann, die temporären Preissteigerungen (durch Einmalzahlungen oder staatliche Hilfen) abzufangen, ohne dass es zu einer wirklichen inflationären Beschleunigung kommt. Die Geldpolitik hat dann keinen Anlass, mit restriktiven Maßnahmen einzugreifen. 

Preissteigerungen, die temporär sind, weil sie eindeutig nach klar identifizierbaren Schocks auftreten, muss die Geldpolitik hinnehmen, weil sie ihr eigentliches Ziel, die mittelfristige Inflationsentwicklung nicht berühren. Alles, was zur Abfederung solcher Schocks zu tun ist, muss von Seiten des Staates kommen. Die Geldpolitik muss sich auch bei kurzfristigem Überschreiten ihres Preiszieles bemühen, die negativen Beschäftigungswirkungen dieser Schocks in Grenzen zu halten, also auf keinen Fall restriktiv mit Zinserhöhungen vorgehen, weil sie damit die Inflationsrate nicht drückt, sondern den ohnehin vorhandenen restriktiven Effekten dieser Schocks noch weitere negative Schocks hinzufügt. 

Erst wenn die Versuche der Koordination zwischen Wirtschaftspolitik und Lohnpolitik scheitern, sich also zeigen sollte, dass die Löhne trotz Beschäftigungsgefahr so stark steigen, dass eine Preis-Lohn-Preis-Spirale entstehen könnte, ist die Geldpolitik in Sachen Restriktion auf den Plan gerufen. Dann und nur dann braucht man eine Institution, die in der Lage ist, relativ unabhängig von politischem Kalkül den Tarifpartnern zu zeigen, dass deren Versuch, sich gegenseitig die für die Gesellschaft unabänderlichen Lasten des Schocks (eines Terms of Trade Schocks) zuzuschieben, nicht von Dauer sein kann. 


[1] Auf der Basis eines aktualisierten Textes aus dem vergangenen Jahr