Zerfall der Weltordnung

Ein Gastbeitrag von Patrick Kaczmarczyk zu seinem neuen Buch

Das Ende der Globalisierungs-Illusion

Die gegenwärtige Krise der Weltwirtschaft wird meist als Abfolge externer Schocks beschrieben. Ausgeblendet bleibt dabei der strukturelle Kern des Problems: Nicht nur die sogenannte regelbasierte Ordnung gerät unter Druck, sondern das Narrativ und die Ideen, mit denen die marktliberale Globalisierung jahrzehntelang legitimiert wurde – ein Punkt, den zuletzt auch der kanadische Premierminister Mark Carney in Davos ungewöhnlich klar benannt hat. Diskutiert werden diese Implikationen bislang kaum. Dabei muss eine ehrliche Neubewertung bei den Defiziten dieser Erzählung ansetzen.

Die verzerrte Erfolgsgeschichte der Globalisierung

Die Globalisierung wird im Westen häufig als nahezu universelle Erfolgsgeschichte dargestellt. Aggregierte Daten scheinen dies zu stützen: Zwischen 1990 und 2019 sank die Zahl der weltweit extrem Armen – gemessen an der damaligen Schwelle von 1,90 US-Dollar pro Tag – von rund 1,9 Milliarden auf etwa 680 Millionen Menschen. Der Anteil an der Weltbevölkerung ging von rund 36 auf 9 Prozent zurück. 

Doch fast zwei Drittel dieses Rückgangs entfielen allein auf China. Rechnet man neben China noch Indien heraus, schrumpft der Fortschritt bei der Bekämpfung extremer Armut noch weiter: In diesem Fall sank die Zahl der extrem Armen weltweit lediglich von rund 700 auf etwa 540 Millionen. China und Indien waren damit für 87 Prozent des Rückgangs der extremen Armut verantwortlich.

Insbesondere außerhalb Asiens sind die Asymmetrien der Weltwirtschaft, von denen Mark Carney sprach, viel ausgeprägter. In Afrika südlich der Sahara liegt das reale Pro-Kopf-BIP heute kaum höher als in den 1970er Jahren. Lateinamerika und die Karibik erlebten nach zwei verlorenen Jahrzehnten in den 1980er und 1990er Jahren zuletzt erneut eine Phase weitgehender Stagnation. Auch im Nahen Osten, in Nordafrika sowie in Afghanistan und Pakistan blieben die Einkommen über Jahrzehnte nahezu unverändert – trotz teils erheblicher Rohstofferlöse. Hinzu kommt, dass ein Großteil der globalen Armutsreduktion nahe an der statistischen Grenze stattfand. Viele Menschen überschritten zwar die Schwelle extremer Armut, verblieben jedoch in hochgradig prekären Verhältnissen: Jede Anhebung der Armutsgrenze um nur zehn Cent pro Tag würde rechnerisch rund 70 Millionen Menschen wieder in die Kategorie extremer Armut fallen lassen.

Wer somit die Globalisierung als eine globale Erfolgsgeschichte verkauft, übersieht, dass das Wachstum vor allem in Asien stattfand – und dort in erster Linie in China. Grundlage des dortigen wirtschaftlichen Erfolgs waren dabei nicht die marktliberalen Programme, die vielen Ländern des Globalen Südens bei ihrer Integration in die Weltwirtschaft aufgezwungen werden, sondern industriepolitische Eingriffe, die eine schrittweise Öffnung mit dem gezielten und strategischen Aufbau von Märkten kombinierten: Preiskontrollen, Joint-Venture-Vorgaben für ausländische Unternehmen, rigide Kapitalverkehrskontrollen und umfangreiche öffentliche Investitionen in Infrastruktur, Bildung, Gesundheit und Wohnungsbau prägten den chinesischen Entwicklungsweg.

Begrenzter Aufstieg, langsames Aufholen

Auch auf makroökonomischer Ebene zeigt sich die Begrenztheit des Aufholprozesses. Seit 2000 stieg das durchschnittliche Einkommensniveau der Entwicklungs- und Schwellenländer nur marginal im Verhältnis zu den Industriestaaten. Gerade im Zeitalter neuer Technologien und globaler Produktionsmöglichkeiten wäre dabei ein schnelleres Aufholen zumindest theoretisch möglich gewesen. Jedoch stieg das durchschnittliche Einkommensniveau der Entwicklungs- und Schwellenländer insgesamt seit dem Jahr 2000 lediglich von rund 7 auf etwa 12 Prozent des Niveaus der Industriestaaten. Rechnet man China und Indien heraus, fielen auch hier die Fortschritte noch geringer aus: von etwa 9 auf gerade einmal 10 Prozent. Die ärmsten Länder der Welt verharren seit rund 25 Jahren bei lediglich 2 bis 3 Prozent des Einkommensniveaus der reichen Staaten. Von einer breiten Angleichung der Lebensverhältnisse kann daher keine Rede sein.

Die Schattenseiten der Globalisierung

Die Lebenswirklichkeit weiter Teile der Welt steht damit im Kontrast zur Erfolgserzählung der Globalisierung, wie sie lange Zeit in Europa und Nordamerika gepflegt wurde. Zu dieser „Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität“ (Carney) haben auch westlich dominierte Institutionen beigetragen. Vielen Entwicklungsländern wurden über Jahrzehnte genau jene wirtschaftspolitischen Spielräume verwehrt, die historisch für erfolgreichen Strukturwandel entscheidend waren: der zeitweise Schutz junger Industrien, eine aktive staatliche Industriepolitik und eine kontrollierte Öffnung gegenüber dem Weltmarkt.

Gleichzeitig sind viele der Länder mit dauerhaft hohen Zinsen konfrontiert, die Investitionen sowohl für den Staat als auch für private Unternehmen nahezu unmöglich machen. Zweistellige Realzinsen bei Wachstumsraten im niedrigen bis mittleren einstelligen Bereich sind keine Seltenheit, insbesondere in Afrika. Diese hohen Finanzierungskosten sind nicht das Ergebnis einer natürlichen Knappheit an Kapital, wie es marktliberale Ökonomen erklären, sondern Folge eines Finanzsystems, das vor allem auf die Interessen der Finanzmärkte im globalen Norden hin ausgerichtet ist. Staaten mit schwachen Währungen und begrenztem Zugang zu stabilen Kapitalmärkten müssen Investoren hohe Risikoaufschläge bieten, um plötzliche Kapitalabflüsse, Wechselkurseinbrüche oder politische Unsicherheiten abzufedern. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis aus hohen Zinsen, niedrigen Investitionen und schwachem Wachstum, der eine eigenständige wirtschaftliche Entwicklung systematisch erschwert.

Hinzu kommt, dass die Klimakrise für regelmäßige, makroökonomische Verwerfungen sorgt: Dürren und Fluten sorgen für Ernteausfälle und Unterbrechungen der Lieferketten. Dadurch, dass die Infrastruktur nicht vernünftig ausgebaut ist, sind die armen Länder gegenüber der Klimakatastrophe – zu der sie so gut wie nichts beigetragen haben – umso verwundbarer. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: In Mosambik, wo lediglich 20 Prozent der Straßen asphaltiert sind und 60 Prozent des Verkehrsnetzes in einem hochwassergefährdeten Gebiet liegt, haben die Zyklone Idai und Kenneth im Jahr 2019 nahezu ein Drittel des gesamten Straßennetzes beschädigt. In Simbabwe wurde die Landwirtschaft, Wasser- und Energieversorgung beeinträchtigt, was die Inflation in die Höhe schnellen ließ und zu einem Einbruch des BIP von mehr als 8 Prozent beitrug. Als wären die Krisen durch Umweltkatastrophen nicht bereits schlimm genug, verstärken die Zinserhöhungen, mit denen die Zentralbanken die Inflation zu bekämpfen versuchen, die Lage zusätzlich. Erinnern wir uns nur daran, wie die Unterbrechungen der Lieferketten im Zuge der Coronakrise und die Energiepreisschocks der 2020er Jahre die entwickelten Volkswirtschaften des Globalen Nordens erschütterten. Und nun stelle man sich vor, wie noch viel größere Schocks die Entwicklungs- und Schwellenländer zurückwerfen müssen, die nicht ansatzweise dieselben Kapazitäten und Ressourcen haben, um mit den Krisen fertigzuwerden.

Der Globale Süden fordert schon lange Reformen, stattdessen kommt der IWF

Seit den 1960er Jahren fordern die Länder des Globalen Südens verstärkt Reformen, um diese strukturellen Probleme zu entschärfen. Mit den zunehmenden Finanzmarkt- und Währungskrisen seit der Liberalisierung der Kapitalmärkte in den 1970ern intensivierten sie ihre Bemühungen: Kurzfristiges und spekulatives Kapital sollte gebremst werden, um die Wechselkurse und Rohstoffpreise zu stabilisieren. Staatliche Finanzierung sollte international besser abgesichert werden und eine Schuldenordnung sollte entstehen, die Anpassungen ermöglicht, ohne Investitionen dauerhaft abzuwürgen. In der Praxis scheiterten diese Vorschläge jedoch meist am Widerstand der Industriestaaten.

Und so ergibt sich ein Kreislauf der Krisen: Die Leistungsbilanzdefizite vieler Entwicklungs- und Schwellenländer – entweder bedingt durch Rohstoffabhängigkeiten auf der einen Seite oder große Zuflüsse spekulativen Kapitals auf der anderen – sorg(t)en für wiederkehrende Zahlungsbilanzkrisen. Wenn sich wirtschaftliche Krisen zuspitzten, folgte für viele Länder der alternativlose Gang zum Internationalen Währungsfonds (IWF) und anderen multilateralen Kreditgebern, denn nur sie waren in der Lage, die benötigten Devisen in Form von US-Dollar bereitzustellen, die das Entwicklungsland brauchte.

Der Preis für die Bereitstellung der Devisen allerdings war in der Regel hoch, denn die Hilfsprogramme wurden (und werden) an umfangreiche Auflagen geknüpft: Privatisierungen, Kürzungen öffentlicher Ausgaben, Reformen von Löhnen, Renten und Sozialsystemen. Empirisch zeigt sich, dass diese Programme oft genau jene Bereiche schwächten, die für langfristige Entwicklung zentral sind. Jede zusätzliche Bedingung in einem IWF-Programm geht im Durchschnitt mit Kürzungen der Bildungsausgaben einher. Auch die Gesundheitsausgaben sinken systematisch, je strenger die Auflagen ausfallen. Hinzu kommt, dass meist der Kontext für Privatisierungen in einer Wirtschaftskrise fatal ist, sodass öffentliche Vermögenswerte verschleudert werden und Privatiers günstig die Kontrolle über zentrale Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge sichern können.

Eine neue Weltordnung braucht Angebote an den Globalen Süden

Möglicherweise bietet Mark Carneys Rede einen Wendepunkt in der Beziehung einiger Staaten des Globalen Nordens zum Globalen Süden. Schließlich ist es kein Globalisierungskritiker, der hier spricht, sondern der Premierminister Kanadas, der mit einer erfrischenden Portion Nüchternheit, Sachlichkeit und Realismus das in westlichen Ökonomien verklärte Bild der „regelbasierten Ordnung“ geraderückt. Eine solche Bestandsaufnahme könnte ein erster Schritt sein, um die zerrütteten Beziehungen zum Globalen Süden auf neue Beine zu stellen. 

Gerade weil Europa wie viele andere Staaten auf dieser Welt als eine Mittelmacht auf eine funktionierende internationale Ordnung angewiesen ist, sollte es entsprechend handeln und alle institutionellen Hebel nutzen, um deren Grundlagen zu stärken: auf Reformen beim Internationalen Währungsfonds drängen, Entwicklungsländern mehr Mitsprache einräumen, multilaterale Institutionen finanziell besser ausstatten sowie Kooperation bei der Stabilisierung von Währungen und beim Umgang mit externen Schocks anbieten und institutionalisieren. Ergänzend braucht es neue Formate wirtschaftlicher Zusammenarbeit, die eine asymmetrische Globalisierung ermöglichen und unterschiedlichen Entwicklungsständen Rechnung tragen. Auch gegenüber China ist ein Kurswechsel nötig, der weniger von ideologischer Härte, sondern von mehr nüchterner Kooperation geprägt ist – ohne naiv gegenüber der chinesischen Regierung und ihren Interessen zu sein. Die USA hingegen haben in den vergangenen Jahren mehr als deutlich gemacht, dass ihnen an internationaler Zusammenarbeit nicht viel liegt. Sollte sich die internationale Zusammenarbeit ohne die Vereinigten Staaten weiter konsolidieren, könnten auch dort die Anreize steigen, sich wieder konstruktiver in multilaterale Strukturen einzubringen.