Er muss immer der Erste sein: Kaum hat die EZB eine Zinspause eingelegt, geht der größte Zinstreiber an die Presse und verkündet, dass die nächste Zinserhöhung vor der Tür steht. Joachim Nagel, der Präsident der Deutschen Bundesbank scheint besessen von dem Gedanken, er könne von einer Inflationswelle überrollt werden, die man selbst mit den höchsten Zinsen nicht mehr stoppen kann. Also fordert er Zinserhöhungen, sobald die Inflationsrate über dem Ziel liegt – ganz gleich, was die Gründe und Hintergründe dafür sind.
Ich habe schon vor einiger Zeit gezeigt, dass Nagel analytisch voll daneben liegt, weil er nicht verstanden hat, welche Implikationen ein Energiepreisschock hat. Aber man sollte meinen, dass auch ein weniger begabter Ökonom in der Lage ist, einige zentrale Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Doch offensichtlich verdrängt bei Nagel die panische Angst, etwas falsch zu machen, selbst die Bereitschaft, solche Fakten zu berücksichtigen.
Die Zahlen, die gestern von Eurostat zur Inflation in der EWU veröffentlicht wurden, sollten eigentlich Anlass sein, von jedem Aktionismus abzusehen und die Lage in aller Ruhe zu analysieren. Doch genau das geschieht nicht.
Es ist zwar offensichtlich, dass die EWU derzeit von einem Energiepreisschock getroffen wird, es ist aber mindestens so offensichtlich, dass dieser Schock nicht auf den Rest der Volkswirtschaft übergreift. Die offiziell gemessene Inflationsrate lag im Oktober bei 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, aber dahinter verbirgt sich ein Preisanstieg bei Energie von 20 Prozent. Die Kerninflationsrate, auf die man in der Vergangenheit von Seiten der Notenbanker immer gerne verwiesen hat, wenn man belegen wollte, dass die Inflation nicht nur ein Energieproblem ist, liegt derzeit bei bescheidenen 2,2 bis 2,3 Prozent (und das schon fast im gesamten Jahresverlauf).
Betrachtet man den gesamten Warenkorb ohne Energie (das sind dann 90 Prozent aller erfasster Werte) sind es 2,3 Prozent Zuwachs, rechnet man auch noch die unverarbeiteten Lebensmittel heraus (man ist dann bei 85 Prozent der Güter und Dienste), sind es 2,2 Prozent. Die Preise für nicht-energetische Industriegüter (25 Prozent Gewicht) steigen um 1,2 Prozent, die Preise für Dienstleistungen (46 Prozent Gewicht) um 3,3 Prozent. Das ist alles vollkommen normal und alles mit dem Inflationsziel der EZB von zwei Prozent vollständig kompatibel.
Gleichzeitig muss man einmal zur Kenntnis nehmen, dass im September 2026 11,5 Millionen Menschen in der EWU als arbeitslos gemeldet waren. Das waren 420 000 mehr als vor einem Jahr. Wer so tut, als bliebe das ohne Auswirkungen auf die Fähigkeit der Gewerkschaften, für einen Ausgleich der Kaufkraftverlust durch die Energiepreissteigerungen zu sorgen, hat eine ideologische Agenda bzw. eine Besessenheitsagenda. Auch der sogenannte wage tracker der EZB zeigt keinerlei Anzeichen für eine Beschleunigung. Im Gegenteil, für die zweite Hälfte von 2027 sieht er einen Einbruch bei den Lohnzuwächsen.
Man muss sich ja nur mal in Deutschland umschauen, um zu sehen, wie sich das Lohnklima zulasten der Arbeitnehmer verschlechtert hat. Viele Unternehmer und sogar ganze Branchen fordern Lohnverzicht oder sogar Lohnkürzungen. Die IG-Metall ist mit ihrer Forderung von 5 Prozent für 12 Monate auf ein Gegenangebot der Arbeitgeber gestoßen, dass kaum über einem Prozent liegt und für mehrere Jahre gelten soll. Der Abschluss, da kann man sicher sein, wird niemals höher als zwei Prozent aufs Jahr gerechnet ausfallen. Das ist eher deflationär als inflationär.