Das Minimum dessen, was ein Zentralbankpräsident wissen müsste

Ein Leser hat mir einen Link zu einem langen Interview des Deutschlandfunks mit dem Präsidenten der Deutschen Bundesbank zugeschickt. So etwas würde ich normal nicht anhören, weil es mir regelmäßig die Schuhe auszieht, wenn schwache Journalisten noch schwächere Gesprächspartner „befragen“. Auch hier konnte ich nach wenigen Minuten abbrechen, weil es genug der Konfusion war.

Es dauert nur etwa zehn Sekunden bis Joachim Nagel, SPDler und Bundesbankpräsident, sagt: „Wir haben es hier mit einem Angebotsschock zu tun“…

Da haben wir des Pudels Kern schon freigelegt: Die Aussage ist zwar nicht falsch, es ist aber genau der Teil der Wahrheit, der in die Irre führt. Ein Angebotsschock kommt nämlich selten alleine. Regelmäßig ist er mit einem negativen Nachfrageschock verbunden, der weit gravierendere Auswirkungen als der Angebotsschock hat (wie etwa hier gezeigt). 

Wer das weiß, kann alles das, was der Bundesbankpräsident hinterher sagt, nicht mehr sagen, ohne rote Ohren zu bekommen. Denn der Angebotsschock hat einen einmaligen (temporären) Einfluss auf die Preise, aber der nachfolgende Nachfrageschock tut genau das, was die Zentralbank mit ihrer Zinserhöhung anstrebt, nämlich die Nachfrage vermindern, übt also einen dämpfenden Einfluss auf die Preise aus. 

Welcher Effekt stärker ist, weiß man nicht. Genau deswegen kann man nicht ernsthaft argumentieren, man brauche auf jeden Fall noch einen weiteren Nachfrageschock, nämlich den durch die Zinserhöhung der Notenbank, um die Inflation im Griff zu behalten. 

Hinzu kommt, dass es absolut zwingend ist, dass der Preiseffekt des Angebotsschocks nach genau einem Jahr wieder aus der Preisstatistik verschwindet, weil er das Preisniveau dauerhaft erhöht, aber nicht die Preissteigerungsrate. 

Befindet man sich, wie Europa derzeit, schon in einer Rezession mit steigender Arbeitslosigkeit, was einen massiven Druck auf die Lohnzuwächse ausübt, gibt es überhaupt keine Rechtfertigung für den argumentativen Sprung vom „Angebotsschock“ zu einer Zinserhöhung. Der negative Nachfrageschock, der unmittelbar mit dem Angebotsschock verbunden ist, ist in dieser Situation auf jeden Fall ausreichend, um ein Abwarten der Zentralbank zu rechtfertigen. 

Man wird in den nächsten Wochen sehen, dass die USA, wo das Wachstum aktuell bei über zwei Prozent liegt und wo seit Jahren Vollbeschäftigung herrscht, trotz einer deutlich höheren aktuellen Inflationsrate als in Europa nicht auf diese neue temporäre Preissteigerung reagieren werden. Das Spitzenpersonal, das sich Europa „leistet“, richtet erneut schweren wirtschaftlichen Schaden an.