Die Reaktion der deutschen Medien auf die deutsche Schlappe bei der Wahl der temporären Mitglieder zum UN-Sicherheitsrat bedarf keiner weiteren Kommentierung. Fast alle stürzen sich auf das Versagen der Diplomatie oder auf Annalena Baerbock. Das ist zu kurz gesprungen. Kaum jemand in Deutschland will zur Kenntnis zu nehmen, wie klar das Votum zeigt, dass Deutschland keineswegs die anerkannte und allseits respektierte Mittelmacht ist, die man so gerne sein möchte. Insbesondere in der Welt der Entwicklungsländer hat Deutschland nicht den Ruf als eine Nation, die eigenständige Positionen besetzt und sich in den entscheidenden Gremien auch einmal gegen den westlichen Mainstream und für die die Interessen der Entwicklungsländer einzusetzen bereit ist.
Der mediokren Medienreaktion die Krone aufgesetzt hat allerdings wieder einmal der Spiegel, der Deutschland völlig aus der Schusslinie nimmt und stattdessen die UNO zum Problem erklärt. Roland Nelles findet, dass man das Votum getrost vergessen kann, weil die UNO schon seit Jahren „dysfunktional“ geworden sei. China und Russland hätten stetig an Einfluss gewonnen und dafür gesorgt, dass Bündnisse „gegen die westlichen Demokratien geschmiedet“ werden. Deswegen wurden offenbar Österreich und Portugal gewählt. Das ist nicht mehr dreist, sondern schon so dummdreist, dass einem Angst und bange werden kann.
Es wäre nicht wert, über eine solche Entgleisung eines Mediums zu berichten, das schon seit Jahrzehnten nicht einmal mehr seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird. Aus Augsteins „sagen, was ist“, ist längst „sagen, was passt“ geworden. Dass allerdings ein Mensch, der ausweislich seiner offiziellen Vita sein ganzes Berufsleben in deutschen Redaktionsstuben gesessen hat, glaubt, er könne einfach mal die Vertreter des weitaus größten Teils der Weltbevölkerung mit der Verbindung zu China und Russland diskreditieren, um Deutschland in Schutz zu nehmen, ist nicht nur unverschämt, es spricht für einen ungehemmten Nationalismus in diesem Blatt, der gefährlich ist, weil er kaum mehr thematisiert wird.
Es ist ja nicht der erste Fall, wo die Leidmedien in Deutschland der Bevölkerung vorspielen, Deutschland mache einfach niemals etwas falsch. Der deutsche Merkantilismus, der Europa seit über 20 Jahren schweren Schaden zufügt, wird bis heute quer durch alle wichtigen Organe unter der Decke gehalten. Niemand darf in diesen Medien offen sagen, dass Deutschland massiv gegen die Regeln der Währungsunion und gegen die Regeln der Vernunft verstoßen hat. Selbst als Trump daraus eine Geschichte machte, die man wirklich nicht mehr übersehen konnte, wurde er schnell und kollektiv zum Idioten erklärt.
Und doch: „the chickens come home to roost“. In der Reformdebatte, die ja nun ganz groß gespielt wird, sitzen genau deswegen alle auf dem falschen Dampfer, weil sich das Kollektiv der Medienschwätzer weigert, die wahren Gründe für Deutschlands Schwäche zur Kenntnis zu nehmen. Folglich lässt sich eine Regierung, die selbst ökonomisch blind ist, in eine Reformagenda zwingen, die massiv nach hinten los geht, weil man Nachfrage vernichtet, statt Nachfrage zu schaffen. Wer nicht bereit ist, über die wahren Ursachen zu diskutieren, weil die ganze Debatte nationalistisch überblendet ist, wird kläglich scheitern. Doch wir werden sicher andere finden, denen wir dann dafür die Schuld in die Schuhe schieben können.