Dies ist der zweite Teil einer kurzen Trilogie über die Grundlagen relevanter Ökonomik. Der dritte Teil folgt im Laufe dieser Woche. Den ersten Teil findet man hier. Alle drei Teile sind bei Makroskop erschienen.
Ich habe im ersten Teil erklärt, was intertemporaler Strukturwandel ist. Die Möglichkeit für ein Unternehmen nämlich, sich durch eine Verbesserung der vorhandenen Produktionstechnik oder durch ein neues Produkt von den anderen Unternehmen abzusetzen und temporär höhere Gewinne zu machen. Das ist auch das entscheidende Thema, wenn wir uns den Arbeitsbeziehungen in einer Marktwirtschaft widmen.
Der sogenannte Arbeitsmarkt der herrschenden Theorie ist nämlich im Kern auf der Idee aufgebaut, dass die Unternehmen, wenn sie nur die „richtigen“ Signale von den Arbeitnehmern bekommen, ihre Produktionstechnik zurückentwickeln, von hoher Arbeitsproduktivität (und hoher Kapitalintensität) zu geringerer Arbeitsproduktivität (geringerer Kapitalintensität). Das ist der entscheidende Fehler dieser Theorie. Das tun Unternehmen in einer Marktwirtschaft niemals.
In der DNA der Unternehmen ist verankert, dass es niemals einen Weg zurück gibt, sondern immer nur vorwärts. Nur vorwärts kann man Probleme lösen, nur vorwärts kann man gegen die Konkurrenz bestehen, nur vorwärts kann man Weltmarktführer werden. Rückwärts gehen, ist der Weg in den Untergang, weil der nächste Konkurrent bestimmt nicht rückwärts geht und folglich absolute Vorteile erzielt, die einem selbst das Genick brechen.
Der Arbeitsmarkt ist ein zentrales Thema bei Keynes und den Keynesianern gewesen. Man hat sich mit der Bedeutung der Nominallöhne auseinandergesetzt und argumentiert, die Preise könnten sich jederzeit so bewegen wie die Nominallöhne und damit verhindern, dass die Reallöhne überhaupt fallen. Das ist kein unwichtiger Aspekt, aber er ist bedeutender für die Inflationstheorie als für die Arbeitsmarkttheorie. Kurzfristig können die Reallöhne sehr wohl fallen, wenn man die Nominallöhne drastisch senkt. Wir haben es in Griechenland gesehen.
Wenn die Reallöhne fallen, dann sinkt die Kaufkraft der Arbeitnehmer, sagen die Gewerkschaften seit Jahrzehnten immer wieder. Doch über das, was dann passiert, ist man sich wieder nicht einig. Was machen die Unternehmen, wenn die Gewinne pro Stück steigen, die Menge der Stücke, die produziert werden, aber sinkt? Die Antwort ist ganz einfach, wird aber selten in aller Klarheit gegeben: Wenn, wie in Griechenland die Reallöhne um 20 Prozent sinken und folglich die Nachfrage der Arbeitnehmer um 20 Prozent sinkt, dann entlassen die Arbeitnehmer 20 Prozent der Beschäftigten, weil sie nur auf diese Weise ihre Verluste minimieren oder sogar weiter Gewinne machen.
An der Stelle spätestens kommen die ganz klugen Ökonomen ins Spiel, die wissen, dass sich bei einer deutlichen Nominallohnsenkung (ob mit oder ohne Reallohnsenkung) auf jeden Fall die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen erhöht und einen positiven Impuls für die Nachfrage und die Beschäftigung auslöst. Das ist aber ein wirklich schwaches Argument. Man unterstellt dabei, dass es regelmäßig ein internationales Währungssystem gibt, das ohne weiteres zulässt, dass ein ganzes Land mit einer Lohnsenkung seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen kann, ohne dass es zu einer Aufwertung der Währung dieses Landes kommt. Nur in einer Währungsunion kann selbst ein großes Land, Deutschland hat es bewiesen, seine Nachbarn gegen alle Regeln der Vernunft mit einer solchen Strategie betrügen. Ein Argument für Lohnsenkung ergibt sich daraus gleichwohl nicht.
Folglich müssen wir bei der einfachen Tatsache bleiben, dass jeder Reallohnrückgang unmittelbar einen Rückgang der Beschäftigung nach sich zieht. Der Vorgang ist nicht anders zu beurteilen als die Entscheidung des Staates, seine Ausgaben zu kürzen, um die staatliche Verschuldung zu reduzieren. Diese Folge kann man beim Staat nur mit absurden Konstruktionen bestreiten, bei denen man den Marktteilnehmern unterstellt, sie würden die Ausgabensenkung des Staates als Zeichen für seinen Willen interpretieren, früher oder später die Steuern zu senken, was sie dazu veranlasst, selbst ihre Ausgaben zu erhöhen, also ihre Sparquote zu senken. Das aber sind die üblichen Spielchen der Ökonomen, die glauben, die Ökonomik sei keine empirisch basierte Wissenschaft, sondern eine Spielwiese für Ideologen. Man muss sich damit nicht weiter auseinandersetzen.
Das einzige ernsthafte Argument, das die Neoklassik gegen den vom Reallohnrückfall ausgelösten Nachfragerückgang ins Feld geführt hat, ist die Substitution. Würden die Unternehmen gleichförmig auf die Signale vom „Arbeitsmarkt“, also auf den Reallohnrückgang reagieren, würden sie alle (zur gleichen Zeit vermutlich und in einer theoretischen Sekunde) die Produktionsweise rückbauen in Richtung höherer Arbeitsintensität. Dann stiege die Beschäftigung um die oben als Beispiel verwendeten 20 Prozent und die Nachfrage bliebe vollkommen gleich. Die Preise der Produktionsfaktoren hätten dann die Arbeit getan, die ihnen die Neoklassik unterstellt.
Offensichtlich ist der Zeitaspekt. Gelingt es nicht, die Produktionsweise in einer Sekunde so umzustellen, dass die Arbeitsproduktivität um 20 Prozent zurückgeht, fällt das Substitutionsargument in sich zusammen. Jede Verzögerung macht den Nachfrageausfall manifest und seine Folgen unumgänglich. Da der Nachfrageausfall unmittelbar auf die Lohnkürzung folgt, wäre es schlicht unmöglich, die Produktionsweise so zu reformieren, dass der Nachfrageausfall vermieden würde, selbst wenn die Unternehmen den Umbau der Produktion versuchen würden – was sie jedoch niemals tun.
Besonders abstrus ist in einem solchen Fall die Annahme der Neoklassik, die Unternehmen maximierten ihren „Gewinn“. Wenn die Reallöhne sinken, ist es genau umgekehrt. Die Unternehmen, die sich nicht an die neoklassische Vorgabe der relativen Faktorpreise halten und ihre Produktionsweise nicht ändern, sind die Gewinner. Sie behalten ihre hohe Produktivität und profitieren so in maximaler Weise von den niedrigen Löhnen. Sie machen einen Extragewinn infolge absoluter Vorteile, denn ihre Lohnstückkosten sind gesunken, die der anderen sind gleichgeblieben.
Nur weil die Neoklassik von vorneherein jedes Abweichen von der Linie der Gewinnneutralität (im perfekten Wettbewerb darf es niemals einen Extragewinn geben) per Annahme ausschließt, kann sie schlussfolgern, die Unternehmen maximierten ihren „Gewinn“, wenn sie sich an die gesunkenen Reallöhne anpassen. Mit dem Gewinn der Unternehmen in einer sich dynamisch entwickelnden Marktwirtschaft hat dieser Pseudogewinn der Neoklassik allerdings nichts zu tun.
In besonders eklatanter Weise zeigt sich die Nicht-Substitution bei der Veränderung der Produktionsstrukturen, die ich internationalen Strukturwandel nenne. War es beim intertemporalen Strukturwandel die Abweichung der individuellen Produktivität der Unternehmen von den gegebenen Löhnen, die für den temporären Pioniergewinn sorgte, ist es beim internationalen Strukturwandel die Abweichung von den in einem Land gegebenen Löhnen von der allgemeinen Produktivität der Unternehmen. Durch die Verlagerung von Produktion mit unveränderter Technologie in ein Land mit einem geringeren Lohnniveau können einzelne Unternehmen enorme Extragewinne erzielen, weil die Lohnstückkosten im Niedriglohnland bei gegebener Produktivität deutlich niedriger sind als im Heimatland der Unternehmen.
Dieser extrem wichtige Effekt, der einen Großteil des Aufstiegs Chinas zur wirtschaftlichen Großmacht erklärt, wird von den Neoklassikern genauso wie von praktisch allen Kritikern der Neoklassiker vollkommen übersehen. Die Tatsache, dass die westlichen Unternehmen bei Direktinvestitionen in China ihre Produktionsweise nicht ändern, obwohl die Löhne (und die Reallöhne) viel niedriger als in ihren Heimatländern sind, ist der ultimative Beweis dafür, dass die Neoklassik nicht, aber auch gar nichts, mit der Erklärung der wirtschaftlichen Wirklichkeit zu tun hat.
Einen gesamtwirtschaftlichen „Arbeitsmarkt“ kann es nicht geben, weil es bei Lohnsenkungen niemals eine Mengenbewegung gibt, die der Preisbewegung folgt und die Güternachfrage von Seiten der Arbeitnehmer stabilisiert. Diese Art der Substitution von Kapital durch Arbeit gibt es nicht. Sie widerspricht fundamental dem Prinzip der dynamischen Entwicklung. Wo auch immer Substitution in beide Richtungen in ökonomische Modelle eingebaut wird (wie das bei der so ungeheuer beliebten Cobb-Douglas Produktionsfunktion der Fall ist), versucht man nicht, einen Beitrag zum besseren Verständnis wirtschaftlicher Vorgänge zu leisten.