Heute gab es wieder einmal eine interessante und extrem wichtige Statistik, die weder von den Medien noch von der sogenannten Wirtschaftswissenschaft zur Kenntnis genommen wird. Eurostat veröffentlichte wie jeden Monat die Entwicklung der Erzeugerpreise für das Verarbeitende Gewerbe. Der letzte vorhandene Wert ist Februar, also der Wert, der vom völkerrechtswidrigen amerikanisch-israelischen Angriffskrieg noch nicht beeinflusst worden ist.
Betrachtet man die Entwicklung dieser Preise ohne die Preise von Energieträgern (dazu gibt es ein Schaubild unter dem obigen link), zeigt sich die von mir schon oft hervorgehobene enorme Stabilität in diesem Bereich. Seit Anfang 2023 verharren die Preise in der gesamten Eurozone auf dem damals gefundenen Niveau bei einem Indexstand von 120 (die Basis ist 2021=100). Das zeigt, dass der Wettbewerb bei industriellen Produkten so stark ist, dass es den Unternehmen per Saldo über drei Jahre nicht gelungen ist, die Preise zu erhöhen, obwohl die Kosten, insbesondere die Lohnkosten, Jahr für Jahr gestiegen sind. Es zeigt auch, dass es bis Februar in der EWU eine deflationäre Tendenz gab, denn die Erzeugerpreise waren und sind ein sehr guter Indikator für die Verbraucherpreise.
Schaut man nun auf die jeweils nationalen Niveaus (Tabelle), gibt es eine große Gleichförmigkeit, die ebenfalls zeigt, wie stark der Wettbewerb ist. Mit wenigen Ausnahmen liegen fast alle Länder auch im Februar dieses Jahres ganz nah bei einem Indexstand von 120. Das ist eine bemerkenswerte Übereinstimmung, die zeigt, dass vor allem die großen Länder nur wenig Spielraum für eine Abweichung nach oben haben. Italien und Frankreich haben es allerdings geschafft, ihre Preisniveaus leicht unterhalb des Deutschen anzusiedeln, vermutlich, weil sie eine konsequente Politik der Lohnzurückhaltung betrieben haben.
Innerhalb der EWU, also bei den Ländern, die nicht mehr über eine Abwertung ihrer Währung für einen Ausgleich bei einem zu hohen Preisniveau sorgen können, fallen insbesondere Belgien mit 129, Bulgarien mit 149, Estland mit 125, Lettland mit 125, Litauen mit 123 und Slowenien mit 127 auf. Bei Belgien mag das relativ hohe Niveau damit zu tun haben, dass dort nach der Corona-Krise sehr hohe Lohnsteigerungen durchgesetzt worden waren, die sich in den Preisen noch heute widerspiegeln, obwohl der Lohndruck inzwischen deutlich nachgelassen hat. In den osteuropäischen Ländern ist der Lohneinfluss, wie hier u. a. gezeigt, offensichtlich für die Preisabweichung verantwortlich.
Bulgarien, das ärmste und zugleich jüngste Mitglied der EWU, fährt einen radikalen Anpassungskurs bei den Löhnen, denen sich die dort heimischen Unternehmen nicht entziehen können. Eine Abweichung der Preise nach oben in der Größenordnung von 30 Prozent innerhalb weniger Jahre bedeutet selbst für die westlichen Unternehmen, die in Bulgarien produzieren und noch immer ein sehr niedriges Ausgangspreisniveau aufweisen, dass sie in kurzer Zeit den Vorsprung, den sie sich für ihre Produktion in Bulgarien ausgerechnet haben, verlieren werden. Für originär bulgarische Betriebe mit einer niedrigen Produktivität gibt es bei dieser Konstellation keine Überlebenschance.

Eine sehr schnelle Lohnangleichung, das zeigen diese Zahlen unmissverständlich, die nicht durch Produktivitätszuwächse gedeckt ist, bringt die verarbeitenden Unternehmen in große Bedrängnis, wenn der Wettbewerbsdruck so groß ist wie derzeit in der EWU. Entweder erhöhen die Unternehmen ihre Preise (hier geht es vor allem um westliche Unternehmen mit Direktinvestitionen), auch wenn das die Dauer ihrer Überlebensfähigkeit massiv einschränkt, oder sie beugen sich dem Preisdruck und geben auch relativ hohe Lohnsteigerungen nicht in den Preisen weiter (Kroatien ist hier der wichtigste Kandidat). Auch ein solcher Gewinndruck vermindert den Zeitraum, in dem sie in dem Land die erwarteten Gewinne tatsächlich machen können.
Die Folgen sind dramatisch, wenn westliche Unternehmen ihre Produktion nach nur wenigen Jahren wieder einstellen, weil die Extragewinne weggeschmolzen sind. Heimische Unternehmen, die an ihre Stelle treten können, gibt es dann nicht mehr. Diese Länder werden folglich auf viele Jahrzehnte hinaus enorme strukturelle Schwierigkeiten haben, weil es ohne heimische Industrie kein Aufholen bei Produktivität und Lebensstandard gibt. Die Abwanderung, die, wie in diesem Atlas für Weltwirtschaft gezeigt wurde, für Bulgarien schon bis heute gewaltige Ausmaße angenommen hat, wird noch einmal zunehmen.