Lohnzuwächse in der chemischen Industrie unter 2 Prozent pro Jahr – Laufzeit bis Mai 2028 – was bedeutet das?

Nahezu unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit haben die Tarifpartner in der chemischen Industrie ihre Tarifverhandlungen beendet. Rausgekommen ist quasi nichts. So ein Ergebnis war zu erwarten gewesen, weil die IGBCE schon ohne Forderung nach Lohnerhöhungen in die Tarifverhandlungen gegangen war. Bei einer Laufzeit von 27 Monaten steigen die Tariflöhne um 4,5 Prozent, die erste Erhöhung wird aber erst zu Beginn des nächsten Jahres erfolgen. Auf 12 Monate gerechnet, sind das vermutlich deutlich weniger als zwei Prozent, weil es in diesem Jahr überhaupt keine Erhöhung gibt. 

Dieser Tarifabschluss reiht sich in eine Reihe von Abschlüssen in Deutschland ein, die bei langen Laufzeiten Zuwächse in der Größenordnung von zwei Prozent vorsehen (wovor hier schon gewarnt wurde). Warum die zwei (Prozent) zur magischen Zahl wird, kann man leicht erahnen. Die Gewerkschaften sind durchweg zufrieden, wenn die Reallöhne gehalten werden, was bei einem Inflationsziel der EZB von zwei Prozent gesichert scheint – jedenfalls dann, wenn es keine neuen Rohstoffpreisschocks gibt. 

Lohnzuwächse von zwei Prozent über einige Jahre haben allerdings enorme Implikationen. Es gibt zwei Erklärungsvarianten. Die Kapitulation der Gewerkschaften bedeutet entweder, dass die deutschen Gewerkschaften jede Ambition in Sachen Verbesserung der Lebensverhältnisse für die Masse ihrer Mitglieder aufgegeben haben. Man wäre dann für alle Zeit zufrieden und wollte nicht mehr die alten Kämpfe ausfechten. Man strebt dann keine Umverteilung mehr an, aber man setzt von vorneherein auch nicht mehr darauf, dass der Kuchen für alle, die Arbeitnehmer und die Arbeitgeber größer werden könnte. Das wäre die Variante, bei der man vermuten müsste, dass sich in den Spitzen der Gewerkschaft eine grüne Grundstimmung durchgesetzt hat, die sagt, man müsse mit dem leben, was man hat, mehr sei einfach nicht mehr zu erreichen.

Die Alternative zu dieser Variante ist, dass die deutschen Gewerkschaften sich wieder einmal von den Arbeitgebern einreden lassen, nur mit so niedrigen Lohnsteigerungen lasse sich die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gegen übermächtige ausländische Konkurrenz halten oder gar verbessern. Die Illusion, man könne im Kampf der Nationen immer auf der Siegerstraße sein, ist in Deutschland nicht auszurotten. Auch die Genossen der SPD, die natürlichen Brüder im Geist, träumen ja davon, mit einer neuen Agenda noch einmal die Weltwirtschaft aufzumischen und die deutsche Wirtschaft aus dem Tiefschlaf zu holen.

Es ist nicht leicht zu sagen, welche der beiden Variante abwegiger ist. Die erste würde jeden Versuch der Regierung, die Wirtschaft zu beleben, unmöglich machen. Ohne steigende Konsumnachfrage bleibt eine Wirtschaft, die von ihrer unternehmerischen Ausrichtung her keineswegs auf Stagnation zielt, immer in einer Rezessionstendenz, die Arbeitslosigkeit steigt und die Unzufriedenheit der Menschen, denen ja keiner gesagt hat, dass sie mit ihrer auferzwungenen Bescheidenheit die Welt retten sollen, wächst ständig. Die politischen Folgen kann man sich leicht ausmalen. 

Die zweite Variante, die ich für die wahrscheinlichere halte, setzt auf anhaltenden und erfolgreichen deutschen Merkantilismus. Das, das könnte inzwischen jedes Kind wissen, ist die dümmste aller Ideen. Nicht nur Donald Trump, sondern die neuen nationalistischen Regierungen in vielen Ländern der Welt, einschließlich Europas, werden sich das nicht mehr gefallen lassen. 

Die Spitzen der deutschen Gewerkschaften sollten die Karten auf den Tisch legen und offen sagen, was sie antreibt. Zwei Prozent sind zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben. Deutschlands Gewerkschaften sollten alles dafür tun, dass es in ganz Europa einen politischen Schwenk gibt, der dafür sorgt, dass die Wirtschaft aus der Rezession/Stagnation herausfindet. Zwei Prozent Lohnzuwachs sind dabei kontraproduktiv. Bei drei bis vier Prozent gäbe es immerhin eine Chance für ein Investitionsbelebung und eine Verbesserung der Produktivität, die es auch der Masse der Arbeitnehmer erlaubt, positiv in die Zukunft zu schauen.