Carry trade: Der Offenbarungseid der herrschenden Ökonomik 

Anfang August beschrieb die Financial Times in wunderbarer Klarheit, auf welche Weise sich amerikanische und andere ausländische „Investoren“ die Tatsache zu nutzen machen, dass in Mexiko die Zinsen deutlich höher als in den USA sind. Der mexikanische Peso, der durch die Trumpschen Zollankündigungen abgerutscht war, erholte sich nämlich, weil die sogenannten carry trades wieder in Gang kamen. 

Mehr als 7 Prozent Zinsen bekommt man in Mexiko, was ein schönes Geschäft ist, wenn man für drei Prozent in den USA (oder in Japan) Geld leiht, es nach Mexiko trägt und dort so kurzfristig wie möglich anlegt. Für Mexiko sei das sogar gut, sagt die FT, weil der Zustrom des ausländischen Kapitals die Zinsdifferenz zwischen Mexiko und den Industrieländern ein ganz klein wenig kleiner macht, freilich, ohne sie auch nur annähernd zu schließen.  

Dieser Tage schreibt das Handelsblatt:

„Die türkische Landeswährung stellt in diesem Jahr immer neue Negativrekorde auf: Erstmals kostet ein US-Dollar mehr als 41 Lira. Die Währung hat im laufenden Jahr bereits mehr als 16 Prozent an Wert verloren. Diese kontinuierliche Abwertung gefährdet eine beliebte Anlagestrategie: sogenannte Carry-Trades. Dabei nutzen Investoren die Zinsdifferenz zwischen zwei Währungsräumen aus, in diesem Fall zwischen dem US-Dollar und der Lira. Die Aussicht auf eine hohe Rendite hat immer mehr Anlegerinnen und Anleger angelockt. Nun jedoch steht einer der lukrativsten Carry-Trades auf der Kippe. Experten sprechen bereits erste Warnungen aus.“ 

Das ist traurig, ein lukrativer carry trade steht auf der Kippe. Fragt sich nur, für wen die trades lukrativ waren. Für die Türkei sicher nicht, obwohl wie in Mexiko dabei doch „Geld“ ins Land geflossen ist. Man kann aber nichts mit dem ins Land geflossenen Geld anfangen, weil es so kurzfristig wie möglich angelegt wird, weil ja die Gefahr besteht, dass, aus gelöst durch irgendein Ereignis, die Währung des Ziellandes abwertet, was den schönen Gewinn zunichte machen könnte.

Währungsspekulation bedeutet Handelskrieg

Währungsspekulation dieser Art kann unglaublich negative Wirkungen auf die Zielländer haben, weil sie eine sinnvolle Wirtschaftspolitik fast unmöglich macht. Hier werden, wie das in der Vergangenheit vor allem wie Brasilien der Fall war, durch eine monate- oder sogar jahrelange Überbewertung von den Märkten systematisch falsche Preise produziert, was nicht nur eine rationale Wirtschaftspolitik unterminiert, sondern auch massive Verzerrungen des internationalen Handels mit sich bringt, von den unmittelbaren Kosten durch die hohen Zinskosten ganz zu schweigen. Von dieser Art Handelskrieg hört man allerdings im Westen, der sonst ganz genau weiß, wie der Handel zu funktionieren hat, niemals etwas.

Wer durch den einfachen Umtausch von einer Währung in die andere Erträge erzielen will, muss lediglich den Zins der Währung, die er selbst besitzt oder in der er sich verschuldet (die funding currency), im Blick haben, den Zins der Zielwährung (also der Währung, in die er seine eigene bzw. die funding currency tauscht) und die mögliche Änderung des Währungsverhältnisses, also des Wechselkurses zwischen Zielwährung und eigener Währung (bzw. funding currency) während der Zeit der Anlage in Fremdwährung.

Man „investiert“ natürlich in solchen Währungen, deren Zins höher ist als der eigene bzw. der Währung, in der man sich verschuldet hat. Das ist nicht einmal sehr risikoreich, weil die kurzfristigen (nominalen) Zinsen, um die es in der Regel geht, von den Zentralbanken weitgehend bestimmt sind und deswegen nicht sehr stark schwanken. Hat man sich also eine Zielwährung mit relativ hohem Zins ausgesucht, macht man in der Regel Gewinn, weil es nur auf die nominalen Zinsen ankommt (der „Investor will nichts im Land der Zielwährung kaufen) und die sind für ein paar Tage oder Wochen ganz gut vorhersehbar. 

Das Risiko kommt dadurch in das Geschäft, dass sich die Zielwährung abwerten könnte, was bedeutet, dass der „Investor“ nach dem Rücktausch der Zielwährung in eigene Währung am Ende der Anlageperiode weniger eigene Währung bekommt als er eingesetzt hatte. Umgekehrt, wenn die Zielwährung aufwertet: Dann bekomme der „Investor“ den Ertrag aus der Zinsdifferenz plus eine Aufwertungsprämie, weil beim Rücktausch in die eigene Währung noch ein positiver Betrag zur Zinsdifferenz dazukommt.

Der future kennt die Zukunft nicht

Das Absurde an dieser Spekulation ist, dass der sogenannte future für die Zielwährung (also der Preis, zu dem man in drei oder sechs Monaten die Zielwährung schon heute kaufen kann), die ganze Zeit eine Abwertung der Zielwährung anzeigt. Die Währung mit dem höheren Zins wird immer mit einem Abschlag gehandelt, der genau der Zinsdifferenz entspricht, denn wäre das nicht so, könnte man risikolose Arbitragegewinne machen. Das zu vermeiden, schafft der Markt.

Ganz ungeachtet der Richtung, die der future hat, wird die Zielwährung allerdings aufwerten, wenn der carry trade von vielen und sehr potenten „Investoren“ betrieben wird. Dann zeigt der future die ganze Zeit die falsche Richtung an, was nichts anderes bedeutet, als dass der future keinerlei Information über die Zukunft enthält. 

Der future interessiert den carry trader von vorneherein nicht, weil er weiß, dass der future ohne Bedeutung ist. Der Investor ist nur an seinem kurzfristigen Ertrag interessiert und der steigt mit einer Aufwertung. Allerdings wissen auch die Investoren, dass in dem Land mit der Aufwertung eine Situation geschaffen wird, die irgendwann unhaltbar ist und zu einer Krise führt, weil das Land in den internationalen Märkten ständig Marktanteile verliert, seine Leistungsbilanz ins Defizit geht und seine Auslandsschulden steigen. Daher steigt mit der Zeit das Risiko dieser Investments und alle bereiten sich darauf vor, kurzfristig aussteigen zu können. 

Die Aufwertung ist volkswirtschaftlich vollkommen absurd, weil damit eine Währung aufgewertet wird, deren Inflationsrate relativ hoch ist. Genau das Gegenteil dessen tritt also ein, was die ökonomischen Lehrbücher erwarten. Durch die Spekulation wird die Zielwährung und mit ihr die ganze Volkswirtschaft destabilisiert, weil die Währung auch real sehr stark aufwertet und die dem Handel ausgesetzte Wirtschaft folglich an internationaler Wettbewerbsfähigkeit verliert, obwohl man nichts falsch gemacht hat.  

Volkswirtschaftslehre als Ablenkungsveranstaltung

Und die sogenannte Wirtschaftswissenschaft? Die tut das, was sie am besten kann: Sie ignoriert alles und jedes, was nicht in ihren neoklassischen Kram passt. Sie hat Modelle geschaffen, bei denen alles funktioniert, weil man annimmt, dass die smarten Investoren die „richtige“ (rationale) Erwartung haben, nämlich die, dass die Währung des Landes mit der hohen Inflationsrate abwertet. 

Die Wirklichkeit starker realer Aufwertungen über Jahre in den Zielländern interessiert keinen dieser „Wissenschaftler“. Kritik an den „Märkten“ verbietet sich für die übergroße Mehrheit ohnehin, arbeitet man doch in einem Fach, das sich der Verteidigung der Rationalität der Märkte verschreiben hat. Wenn sie sich wenigstens von den „Investoren“ bezahlen lassen würden, aber nein, sie sitzen auf Lehrstühlen, die vom Steuerzahler, der von ihnen tagtäglich über den Tisch gezogen wird, finanziert werden. 

Das Handelsblatt schreibt immerhin in seinem Online-Lexikon: „Diese Wechselkurseffekte sind auch Anlass für Kritik an Carry Trades“ (offenbar übernommen vom Gabler Lexikon). In der Tat gab es nach der globalen Finanzkrise (wo carry trades auch eine große und schlimme Rolle spielten) von 2008/2009 immer mal wieder Kritik von Ökonomen im Ausland. Das aber scheint lange vergessen zu sein. Im gesamten deutschsprachigen Raum habe ich außer mir selbst niemanden gefunden, der ernsthaft diese ungeheure Marktverirrung und die daraus sich ergebenden falschen Preise anprangert. Meine erste explizite Beschreibung stammt von 1999 (hier zu finden), aber meine erste Begegnung hatte ich schon zu Beginn der 1990er Jahre bei der Beratung der Regierung von Kasachstan.