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Die Weltwirtschaft

Argentinien 3 Jahre nach der Wahl Mileis: Kein Fortschritt nirgendwo

Am 19. November 2023 gewann Javier Milei die Stichwahl um die Präsidentschaft Argentiniens. Am 10. Dezember 2023 wurde er offiziell zum Präsidenten ernannt. Nun, 3 Jahre danach, ist es an der Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Die Zwischenbilanz ist einfach, weil inzwischen so viele Zahlen und Fakten vorliegen, dass man sich einer Wertung weitgehend enthalten kann. Die Ergebnisse sprechen für sich und sie sprechen eine klare Sprache.

Abbildung 1 zeigt die Produktionsindices für die Gesamtwirtschaft, die Industrie und die Bauwirtschaft. Wir haben bei allen Indices immer den Januar 2023 gleich einhundert gesetzt, so dass man gut verfolgen kann, was seit dem Amtsantritt von Milei passiert ist. Die gesamtwirtschaftliche Produktion lag in diesem Sommer exakt auf dem Niveau, das sie im Januar 2023 hatte. Die besonders vulnerablen und zugleich besonders wichtigen Bereiche der Industrie und der Bauwirtschaft liegen deutlich darunter. 

Abbildung 1

Eine Auflistung aller Wirtschaftsbereiche zeigt, dass die Rückgänge bei Industrie und Bauwirtschaft durch Anstiege bei Bergbau und Rohstoffgewinnung, bei Finanzdienstleistungen und bei Immobilien und Unternehmensdiensten ausgeglichen worden sind (Abbildung 2). Quantitativ am bedeutsamsten dürfte dabei der erste Bereich gewesen sein. 

Abbildung 2

Gab es in der Realwirtschaft keinen Fortschritt, so wird doch allenthalben bejubelt, dass es dem Präsidenten mit der Kettensäge gelungen sei, die Inflation zu bändigen. Das ist falsch. Ich habe schon in meinem letzten ausführlichen Papierdargelegt, dass es unmöglich der im Dezember 2023 an die Macht gekommene Präsident gewesen sein kann, der mit seiner Politik dafür gesorgt hat, dass die Inflationsrate vom Frühjahr 2024 bis zum Sommer 2025 drastisch gefallen ist (Abbildung 3). 

Abbildung 3

Mit der Inflationsrate fast im Gleichschritt sind auch die Nominallohnzuwächse deutlich gefallen. Diese entziehen sich aber vollständig dem Zugriff des Präsidenten. Folglich spricht alles dafür, dass es die innere Dynamik des Indexierungsmechanismus zwischen Löhnen und Inflationsrate war, der dafür gesorgt hat, dass die von außen kommende Preisberuhigung (der Höhepunkt der Rohstoffpreisverteuerung der Jahre 2022 und 2023 war weltweit überschritten) so rasch auf die argentinische Inflationsrate durchschlagen konnte. 

Derzeit liegt die Inflationsrate (Jahresrate) immer noch bei über 30 Prozent und das vollkommen stabil seit Mitte 2025. Der Präsident tut offensichtlich nichts, um von dieser sehr hohen Inflationsrate, die wiederum durch den Indexierungsmechanismus festgeschrieben ist, herunterzukommen.

Dass die von Milei eingesetzte Regierung nichts tat, um die Inflation zu bremsen, zeigt in allerletzter Klarheit die Zinsentwicklung (Abbildung 4). Zinssenkungen gab es schon vor dem Amtsantritt Mileis und auch danach kannten die Zinsen ebenfalls nur eine Richtung, nämlich abwärts. Mit sinkenden Zinsen kann man aber keine Hyperinflation bekämpfen. Vielmehr muss es so gewesen sein, dass die Zinsen sanken, weil die Inflationsrate sank. 

Abbildung 4

Derzeit liegen die Geldmarktzinsen in Argentinien bei etwas über 20 Prozent. Einen offiziellen Leitzins der Notenbank gibt es nicht mehr, weil die Notenbank im Jahr 2025 beschlossen hat, zu einer Geldmengensteuerung überzugehen. Kreditzinsen für Unternehmen werden üblicherweise an die Inflationsrate indexiert und betragen beispielsweise 7,5 Prozent plus die Inflationsrate, was auf fast 40 Prozent hinausläuft. 

Auch von Seiten der Außenwirtschaft sind keine positiven Impulse zu erwarten. Der reale Wechselkurs des Pesos ist zuletzt wieder so hoch, dass viele von einer Überbewertung sprechen (Abbildung 5). Offensichtlich sind viele argentinische Unternehmen, die sich der Konkurrenz des Auslandes stellen müssen, unter erheblichem Druck oder geben auf (hier ein Beispiel).

Abbildung 5

Fazit

Das Experiment mit der Kettensäge ist offensichtlich gescheitert. Argentinien weist zwar kein laufendes Staatsdefizit mehr aus, aber die wirtschaftliche Entwicklung ist seit drei Jahren ohne jede positive Perspektive. Die für die langfristige Entwicklung jeder Volkswirtschaft entscheidenden Bereiche Industrie und Bauwirtschaft sind stark geschrumpft. Die Arbeitslosigkeit ist mit Sicherheit stark gestiegen. Sie ist aber nicht ohne weiteres erkennbar, weil viele Arbeitskräfte nach der Entlassung in irgendeine Form von Selbständigkeit flüchten. Uberisierung wird dieses Phänomen manchmal genannt.

Auch in Sachen Inflationsbekämpfung ist man seit dem Beginn des Jahres 2025 keinen Schritt weitergekommen. Es müsste zumindest erkennbar sein, dass der Präsident ernsthafte Schritte unternimmt, um von 30 Prozent Inflation wegzukommen. Die Zinsen sind prohibitiv hoch, so dass es keine Investitionsbelebung von Seiten der Unternehmen geben kann. 

Da der Staat sich weitgehend zurückgezogen hat, müsste ein tragfähiges wirtschaftspolitisches Konzept darauf abzielen, gute Investitionsbedingungen für die Unternehmen zu schaffen. Davon kann nicht die Rede sein. Die makroökonomische Seite wird von Milei, wie es seiner Ideologie entspricht, vollkommen vernachlässigt. Die Tatsache, dass sich der Staat zurückgezogen hat, bringt aber für kein Unternehmen einen positiven Impuls.