Prognose für 2030 düster, aber keine Wissenschaft, sondern Hokuspokus

Ich habe es geahnt und folglich in meinem Kommentar zur Gemeinschaftsdiagnose vergangene Woche schon angesprochen: Die „Berechnung“ der Institute, wonach das sogenannte Produktionspotenzial sich in Deutschland in den nächsten Jahren einem Wert von null nähert, wird noch für viele Missverständnisse und politische Fehlentscheidungen sorgen. 

Wie nicht anders zu erwarten, springt ein unkritisches Medium wie der Spiegel sofort auf diese windelweiche „Rechnung“ und kocht eine völlig unverdauliche Suppe damit. Im letzten Heft, aus dem mir ein Leser dankenswerterweise den entsprechenden Artikel zugeschickt hat, heißt es:

„Im hinteren Teil ihres 88-seitigen Werks versteckten die Experten einen noch dramatischeren Befund für die Zeit bis 2030. »Alles in allem wächst das Produktionspotenzial bis zum Ende des Projektionszeitraums (das ist das Jahr 2030, HF) um jahresdurchschnittlich 0,1 Prozent«, heißt es in der Gemeinschaftsdiagnose.

Was nach Fußnote klingt, ist in Wahrheit ein Alarmzeichen. Das Wachstumspotenzial beschreibt, ob und wie eine Wirtschaft in der Lage ist zu wachsen. Liegt die Zahl bei null, müssen sich alle mit voller Kraft allein dafür abstrampeln, dass es nicht bergab geht. Das Land scheint zum ökonomischen Stillstand verdammt.

Die Zukunft der deutschen Wirtschaft: eine Tragödie.“

Das ist kompletter Humbug. Ausgerechnet die Institute, die bei der Einschätzung der Investitionstätigkeit der deutschen Wirtschaft in den letzten fünf Jahren jedes Jahr systematisch und kläglich versagt haben (wie hier zuletzt gezeigt) sollen jetzt vorhersagen können, ob und wie die deutsche Wirtschaft im Jahr 20230 wächst oder wachsen kann. Das wäre ein Wunder, aber solche Wunder gibt es nicht. 

Das sog. Wachstumspotenzial ist eine Rechnung, die entweder auf der Basis einfacher Extrapolation vergangener Werte oder auf der Basis von Modellen, die implizit das Gleiche tun, „vorhersagt“, dass eine Wirtschaft, die in den letzten Jahren nicht gewachsen ist, auch in den nächsten Jahren nicht wachsen wird. Das ist weniger als eine Milchmädchenrechnung, das ist Hokuspokus auf unterstem intellektuellem Niveau. 

Der Grund dafür ist einfach und für jedermann leicht zu verstehen. Es wird bei dieser Berechnung nicht untersucht, was für die wirtschaftliche Schwäche der letzten Jahre verantwortlich ist, um zu fragen, ob das auch in fünf Jahren so sein wird, sondern es wird einfach unterstellt, es gebe bremsende Einflüsse, die von keiner Politik kurzfristig zu überwinden sind. Nur die „richtige Politik“, nämlich eine Politik, die sich auf die wirklich fundamentalen Wachstumskräfte kapriziert (das sind natürlich die, die von den Instituten in ihrer allumfassenden neoklassischen Weisheit für die fundamentalen gehalten werden), kann auf die lange Frist das Wachstum anregen. 

In der Tat verwenden die Institute bei ihrer Berechnung u.a. eine rein neoklassische „Produktionsfunktion“ (Cobb-Douglas genannt), bei der Arbeit und Kapital in einer Substitutionsbeziehung stehen (sie können jederzeit in jede Richtung gegeneinander ausgetauscht werden, wenn die Preise der Produktionsfaktoren das „signalisieren“). Der technische Fortschritt fällt vom Himmel und wird in einer „unerklärbaren“ Restgröße, der totalen Faktorproduktivität (TFP) abgebildet. Das ist der übliche neoklassische Hokuspokus, mit dem man kleine Kinder und unsichere Menschen erschreckt. Es klingt immerhin so furchtbar wissenschaftlich, dass ein einfacher Spiegelschreiberling niemals fragen würde, ob hinter der aufgeblasenen Fassade wirklich eine Substanz zu vermuten ist. 

Substitution von Kapital durch Arbeit gibt es, wie ich in meinem Grundlagenbuch ausführlich erklärt habe, in der Wirklichkeit niemals. Weder gibt es Preissignale, die von den Unternehmen unisono in gleicher Weise zu deuten wären, noch lassen sich unabhängig agierende Unternehmen von diffusen Preissignalen dazu verleiten, Gewinnmöglichkeiten auszuschlagen, indem sie die Technik rückwärts entwickeln, was hieße, Kapital durch Arbeit zu ersetzen. 

Offensichtlich ist es für die deutsche Wirtschaft, auch in der Deutung der Institute, ein großes Problem, dass der Außenhandelsüberschuss bis 2030 weiter sinken könnte. Das zeigt jedenfalls eine Tabelle, bei der die Verwendungsaggregate (die Nachfrageseite der Volkswirtschaft wirklich auftaucht). Dort kann man sehen, dass gemäß der Vorstellung der Institute der Außenbeitrag (das ist das Pendant zum Leistungsbilanzsaldo in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung) von 5,3 Prozent (am BIP) im Jahr 2020 bis auf 1,1 Prozent im Jahr 2030 sinkt. Wenn das so ist und es nirgendwo sonst einen Ausgleich für diese gewaltige Nachfragelücke gibt, wird in der Tat die deutsche Wirtschaft in höchste Bedrängnis geraten. 

Aber das ist ja kein Gottesurteil. Wenn es dazu kommt, dass sich das Ausland deutlich weniger verschuldet, wofür einiges spricht, dann muss die Lücke direkt vom Staat mit neuen Schulden gefüllt werden oder durch eine Wirtschaftspolitik, die die privaten Unternehmen veranlasst, mehr zu investieren und sich zu verschulden. Mit einem Wachstumspotenzial hat das nichts zu tun. Agiert der Staat richtig, kann die Wirtschaft wachsen, agiert er falsch, wird sie nicht wachsen. 

Immer kommt es auf die Frage an, ob man eine vernünftige Diagnose vorgenommen hat, um die akute Schwäche zu erklären. Das haben die Institute in ihre Gemeinschaftsdiagnose gerade nicht getan. Sie haben sich bei den üblichen Vorurteilen bedient, statt wirklich wissenschaftlich vorzugehen und ihren Empfehlungen eine objektive Analyse möglicher Fehlentwicklungen vorauszuschicken. Folglich liegen sie bei jedem Blick in die Zukunft, ob weit oder nah, falsch. Wer bei der Prognose der Investitionstätigkeit auf die kurze Frist so fundamental danebenliegt wie die Institute, hat sich auch als Seher bei längeren Fristen diskreditiert.