Lohn- und Kostendeflation in Europa: Die europäischen und die deutschen Politiker begreifen nichts

Ich habe es schon vor einigen Tagen gesagt: Die Lohnentwicklung in Europa ist gegenwärtig eines der größten Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung in Europa. Vieles spricht dafür, dass es nach dem kurzen schockbedingten Anstieg der Löhne in den Jahren 2022 bis 2024 sehr schnell wieder zu einer „Normalisierung“ kommt, die zu einer Fortsetzung der deflationären Lohnpolitik in Europa führt. Zur Erinnerung: In den gesamten 2010er Jahren sind die Löhne in ganz Europa viel zu wenig gestiegen, was zu permanent schwacher Binnennachfrage, einer deflationären Situation und zu Nullzinsen geführt hat.

In Frankreich steigen die Arbeitskosten schon seit einiger Zeit um weniger als zwei Prozent, in Italien nähert man sich den zwei Prozent und in vielen anderen westlichen Ländern gehen die Lohnzuwächse stark zurück. In Deutschland spricht eine der größten Gewerkschaften, die IGBCE, die gerade Tarifverhandlungen begonnen hat, davon, es werde mit ihr keine Nullrunde geben. Das ist schon bemerkenswert defensiv – und falsch. Die IG Metall hat gerade langlaufende Abschlüsse in dem kleineren Bereich Holz und Kunststoff unterschrieben, die bei knapp zwei Prozent pro Jahr liegen und den Betrieben, die wirtschaftlich in Schwierigkeiten sind, Ausnahmen erlauben. Die Gewerkschaft sagt selbst dazu, das sei kein Ergebnis zum Jubeln.

Derzeit macht Ver.di in Deutschland zwar dicke Arme, aber ich sehe nicht, dass die vergleichsweise unwichtigen Verhandlungen mit den deutschen Ländern (Ver.di führt tatsächlich getrennt Tarifverhandlungen mit Bund und Kommunen und dann, aus welchen Gründen auch immer, mit den Ländern) eine neue Lage schaffen. Wenn man, wie gerade der Chefvolkswirt von Ver.di, Dirk Hierschel, ohne jede seriöse Statistik mit zusammengewürfelten Argumenten um sich wirft, hat man offenbar keine wirklich guten Argumente, die für eine deutliche Erhöhung der Löhne sprechen. Auch dort wird das Ergebnis vermutlich bei zwei Prozent pro Jahr liegen.

Arbeitskosten in Europa

In der gesamten EU sind die Arbeitskosten im 3. Quartal des vergangenen Jahres (das ist der letzte verfügbare Wert) um 3,3 Prozent im Vorjahresvergleich gestiegen. Die EZB, die einen eigenen „wage tracker“ errechnet (Abbildung unten), der die vorhandenen Tarifverträge erfasst und damit auch leicht in die Zukunft reicht, rechnet damit, dass im vierten Quartal dieses Jahres die Nominallöhne um 2,7 Prozent steigen werden, nachdem die Zuwächse zu Beginn dieses Jahres auf unter zwei Prozent fallen (die Abbildung ist im Original interaktiv).

Der wage tracker zeigt auch, dass in den Jahren 2013 (er wird erst seit dem Jahr ermittelt) bis 2021 die Lohnsteigerungen im Euroraum fast durchgängig unter zwei Prozent geblieben sind. Dafür gibt es schlicht keine Begründung als die, dass die Verantwortlichen bei den nationalen Tarifpartnern und in den nationalen Regierungen absolut nicht verstanden haben, wie eine Währungsunion funktioniert, bei der die Zentralbank ein Inflationsziel von zwei Prozent vorgibt. Zwei Prozent sind das Minimum, das immer erreicht werden muss, wenn die Produktivität nicht sinkt, was bisher nur in Ausnahmefällen passiert ist.

Ob es zu der von der EZB erwarteten Zunahme in diesem Jahr kommt, ist jedoch vollkommen offen. Der wage tracker erfasst nur wenige Länder und – in die Zukunft – gerichtet nur wenige Verträge. Ich halte es für extrem unwahrscheinlich, dass es im Verlauf dieses Jahres zu einer Erholung bei den Lohnzuwächsen kommt, weil der wirtschaftliche Druck auf die Unternehmen nach wie vor sehr hoch ist. 

Wie hoch der Druck tatsächlich ist, ich habe schon oft darauf hingewiesen (hier zuletzt), kann man klar daran ablesen, dass es auf der Erzeugerstufe in der europäischen Industrie praktisch unmöglich ist, die Preise zu erhöhen, obwohl die Löhne steigen. Seit drei Jahren sind diese Preise (ohne Energieerzeugnisse gerechnet) nicht mehr gestiegen. Dafür gibt es nur eine einzige Erklärung: Die Nachfrage ist schwach und der Wettbewerbsdruck ist folglich enorm hoch. 

Kostensenkung ist kontraproduktiv

In dieser Lage ist jede Mindersteigerung der Löhne oder gar Lohnsenkung unmittelbar kontraproduktiv, weil sie die binnenwirtschaftliche Nachfrageschwäche verstärkt. Damit steigt der Druck auf die Unternehmen, die Preise schließlich zu senken. Man muss nicht erwähnen, dass auch die Investitionstätigkeit der Unternehmen bei einer solchen Konstellation zum Erliegen kommt.

Auch jede andere Form der Kostensenkung, wie die „Reform des Sozialstaates“ hat die gleiche Wirkung. Die Kosten des einen sind immer die Einkommen eines anderen. Wenn dessen Einkommen sinken, sinkt auch seine Nachfrage und der Versuch der Unternehmen oder des Staates, die „Kosten“ zu senken, verpufft. 

Einen Ausweg aus dieser misslichen Lage gibt es nur, wenn der Staat bereit ist, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage deutlich zu erhöhen, was heißt, dass der Staat (ohne Gegenfinanzierung) die privaten Haushalte und Unternehmen entlastet oder selbst investiert. Dann können die Unternehmen die Preise wieder erhöhen und der Druck auf die Gewerkschaften, im deflationären Bereich abzuschließen, verringert sich. 

Insofern ist der französische Vorschlag (der von der Bundesregierung sofort zurückgewiesen wurde), jetzt mit europäischen oder nationalen Schulden der europäischen Wirtschaft einen Impuls zu geben, vollkommen richtig. Alternativ könnte auch die EZB die Zinsen senken und/oder dafür sorgen, dass der Euro nicht so stark aufwertet. 

Letzteres würde natürlich sofort einen neuen Konflikt mit den USA auslösen, weil die USA – zu Recht – darauf beharren, dass sie ihre außenwirtschaftlichen Defizite verringern. Will man diesen Konflikt vermeiden, kann man sich jeden europäischen Versuch in Sachen Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit schenken. Folglich ist es umso dringlicher, die europäische Binnenwirtschaft unmittelbar anzuregen. Europa ist insgesamt eine weitgehend geschlossene Volkswirtschaft, die aus sich selbst heraus prosperieren kann und muss.

Doch diese Zusammenhänge werden weder in Brüssel noch in Frankfurt und Berlin verstanden. Die EZB-Spitze ist, wie in dem oben verlinkten Artikel gezeigt, auf dem völlig falschen Dampfer einer Inflationsgefahr und in Brüssel gibt es einfach niemanden, der über ein gewisses Verständnis für die makroökonomischen Zusammenhänge verfügt. Deutschland ist in seinem Sozialstaatswahn vollkommen abgedreht und blockiert alles, was einen vernünftigen Ausweg bieten könnte.