Patrick Kaczmarczyk hat ein wichtiges Buch geschrieben (hier kann man es bestellen). Es handelt von arm und reich, von Macht und Ohnmacht und von der Frage, ob und warum der Kolonialismus niemals zu Ende geht. Warum gelingt es den Entwicklungsländern bis heute nicht, sich wirtschaftspolitisch zu emanzipieren, sich wenigstens teilweise abzukoppeln oder gar voll und ganz eigene Wege zu gehen?
Die wichtigste Antwort handelt von der Machtverteilung in dieser Welt. Immer noch sind die Mächte, die dereinst die armen Länder dieser Welt kolonialisierten, diejenigen, die über die größte wirtschaftliche und militärische Macht verfügen. Nichts liegt diesen Ländern ferner als aus ihren Fehlern zu lernen und die Macht zu teilen.
Wirtschaftliche und militärische Macht ist jedoch nur ein Teil der Antwort. Der andere Teil handelt von intellektueller Macht. Die Ideen und Theorien, auf denen unsere Vorstellung von der wirtschaftlichen Welt beruht, sind fast ausschließlich Ideen, die in der entwickelten Welt geboren und verbreitet wurden. Insbesondere die „Theorie des internationalen Handels“, vor mehr als 250 Jahren in England entstanden, hat mehr als irgendetwas anderes die wirtschaftlichen Verhältnisse in dieser Welt geprägt.
Diese westlich-nördliche Dominanz wäre unproblematisch, wenn man davon ausgehen könnte, dass die Ideen des ökonomischen Mainstream grosso modo dem entsprechen, was man wissen muss, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Doch genau davon kann nicht die Rede sein. Die „Theorie des internationalen Handels“ ist nicht einmal im Ansatz geeignet, die Komplexität und Vielfältigkeit des heutigen globalen Handelssystems abzubilden. Der Kapitalverkehr, das zeigt der Autor an vielen Beispielen, stiftet per Saldo Chaos statt Ordnung.
Weil das so ist, hat politische und wirtschaftliche Macht noch eine Dimension, die üblicherweise vergessen wird. Wirtschaftlichspolitische Macht in dieser Welt definiert sich vor allem dadurch, dass man sich über die Ideen hinwegsetzen kann, die der ganzen Welt als gültig und unumgänglich verkauft werden.
Nirgendwo spiegelt sich das klarer als in den Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds. Die zerbrechende Weltordnung, die Patrick Kaczmarczyk beschreibt, war über viele Jahrzehnte hinweg eine Weltordnung, die vom IWF und dessen Ideen geprägt war. Der Fonds hat seinen Sitz zwar in Washington und wird ohne jeden Zweifel von den USA politisch und intellektuell dominiert, aber für die USA selbst hat das keine Bedeutung.
Man kann man sich sicher sein, dass die wirtschaftliche Ideologie und die wirtschaftspolitischen Empfehlungen, die den Entwicklungsländern vorgegeben werden, amerikanischen Ursprungs sind, genauso sicher ist es allerdings auch, dass sich die USA selbst niemals nach solchen Empfehlungen richten. Während die gesamte Welt und selbst Europa vom IWF gemahnt und gedrängt werden, in Sachen Staatsschulden die Kirche im Dorf zu lassen, erlauben sich diverse Regierungen der USA eine Schuldenexplosion, die ihresgleichen sucht.
Wüsste man, dass die amerikanische Position unhaltbar und auf Dauer wirtschaftlich schädlich ist, man könnte sich beruhigt zurücklehnen und auf den Tag warten, an dem die amerikanische Illusion an der Wirklichkeit zerschellt. Doch was, wenn es umgekehrt wäre? Wenn der amerikanische Pragmatismus in Sachen Staatsverschuldung vollkommen gerechtfertigt und notwendig wäre, um in dieser Welt erfolgreich zu wirtschaften?
Niemand kann darauf eine exakte Antwort geben, aber offensichtlich wäre das Ergebnis fatal. Nicht nur, dass die USA die mächtigste Nation der Erde sind, nein, sie wären dann auch die einzige Nation, die den Schlüssel hätte, um noch viel mächtiger zu werden. Das wäre mehr als Kolonialismus, es wäre eine geistige Zwangsherrschaft, die anderen Nationen die Zukunftschancen von vorneherein verbaut.
Alles das muss man mit bedenken, wenn man über die zerbrechende Weltordnung nachdenkt. Nur die werden erfolgreich sein, denen es gelingt, sich intellektuell zu emanzipieren. Nur wer die die geistigen Hintergründe der Macht versteht, kann sich der schieren Macht widersetzen und schließlich seinen eigenen Weg finden. Die Entwicklungsländer vergessen leider allzu oft, wie wichtig neben der materiellen die geistige Befreiung ist.
Das Buch von Patrick Kaczmarczyk deckt beides auf, die materiellen und die geistigen Abhängigkeiten, die verhindert haben, dass es der Weltgemeinschaft gelingt, allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen. Eines ist zudem ganz sicher: Nur wenn die Staatengemeinschafft auch den Ärmsten dieser Erde eine wirtschaftliche Chance gibt, kann es auf lange Sicht gelingen, die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Menschen mit der natürlichen Ausstattung dieser Erde in Einklang zu bringen.