Mercosur ist in aller Munde. Wäre das Freihandelsabkommen mit einigen Ländern in Lateinamerika nicht eine goldene Gelegenheit, den USA eins auszuwischen? Könnte man nicht mit den Südamerikanern eine neue Quelle des Wohlstandes erschließen? Aber wieso hat man über zwanzig Jahre gebraucht, um diese einmalige Gelegenheit zu nutzen?
Heftig wird nun beklagt, dass das europäische Parlament gerade versucht, das Abkommen noch einmal zu verschieben. Insbesondere die deutschen Grünen mit ihrem schwäbischen Vormann Cem Özdemir sind entsetzt, dass europäische Grüne bei der Abstimmung in Brüssel ebenfalls für Verschiebung und für eine Überprüfung durch den EUGH gestimmt haben.
Doch die ganze Debatte geht weit am Thema vorbei, wenn man sich die ökonomischen Folgen eines solchen Abkommens vor Augen führt. Was will man erreichen, wenn man als vernünftiger Mensch oder vernünftige Institution mir einer anderen Region ein „Freihandelsabkommen“ schließt? Nun, die mehr als 200 Jahre alte Lehre vom internationalen Handel lässt uns darauf hoffen, dass sich in dem Fall über Jahre und Jahrzehnte beide Seiten des Abkommens in Form eines höheren Realeinkommens profitieren, weil die Produktions- und Konsumstrukturen effizienter werden, da es einfach mehr Möglichkeiten gibt, ineffiziente Strukturen auf der einen Seite durch effizientere auf der anderen auszutauschen.
Das könnte man nach Auffassung dieser Lehre auch dann erwarten, wenn die beteiligten Länder und Regionen sich auf einer unterschiedlichen Entwicklungsstufe befinden. Mit der Theorie der komparativen Vorteile hat David Ricardo Anfang des 19. Jahrhunderts gezeigt, dass unter bestimmten Umständen auch weniger entwickelte Regionen vom Freihandel profitieren könnten. Das Dumme ist, dass es die Umstände, die man bräuchte, um dieser These zur Geltung zu verhelfen, niemals gibt (siehe Kapitel 6 meines Grundlagenbuches). Folglich ist die Vorstellung von einem quasi automatischen Wohlstandsgewinn bei einem neuen Freihandelsabkommen durch nichts zu rechtfertigen.
Das gilt umso mehr, als die entscheidende Voraussetzung dafür, dass beide Seiten überhaupt profitieren können, vom Norden (in dem Fall Europa) gar nicht gewollt ist. Freihandel, der beiden Seiten zugutekommt, verlangt nämlich Saldenlosigkeit (wie hier gezeigt). Es darf also keine Defizite und Überschüsse geben, sonst gilt die gesamte Theorie (mit oder ohne komparative Vorteile) nicht und es ist müßig, über allgemein positive Effekte eines solchen Abkommens auch nur zu spekulieren.
An der Stelle kommt Roland Koch, der Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung, ins Spiel. Unter dem Titel „Globale Märkte schaffen Wohlstand“ erfahren wir von dem Urgestein der CDU, worum es bei Mercosur wirklich geht. Er schreibt:
„Dabei steht Europa gerade derzeit wirtschaftlich unter enormem Druck. Schwaches Wachstum, hohe Kostenbelastungen in der Industrie und geopolitische Unsicherheiten machen jede neue Wachstumsquelle wertvoll. Wenn wir den vom US-Handelsminister postulierten Kampf nicht verlieren wollen, müssen wir jetzt eigene Optionen nutzen. In diesem Kontext ist das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten mehr als ein normales Handelsabkommen. Es bietet die Chance, Europas Industrie zu entlasten, Exportmöglichkeiten massiv auszubauen und neue Impulse für Wachstum zu setzen. Anders als in vielen Debatten dargestellt, handelt es sich hierbei nicht um ein Nullsummenspiel, bei dem nur bestimmte Sektoren profitieren und andere verlieren. Vielmehr dürften die Exporte aus Europa stärker zunehmen als die Importe, weil europäische Industriegüter in vielen Bereichen weltweit wettbewerbsfähig sind und die Mercosur-Staaten großen Bedarf an veredelten Produkten, Maschinen, Fahrzeugen und Industriekomponenten haben.“
Mit anderen Worten: Globale Märkte schaffen Wohlstand für uns. Wir lassen uns unseren Merkantilismus von niemandem verbieten. Wenn die Südamerikaner mit uns Freihandel wollen, dann werden sie erleben, dass wir die Überschüsse machen und sie die Defizite. Wir exportieren dann, um einen modernen Slogan zu verwenden, unsere Arbeitslosigkeit und die Südamerikaner importieren Arbeitslosigkeit. Sie haben ja schließlich einen großen „Bedarf“ an veredelten Produkten, und ob sie die Importe wirklich bezahlen können oder sich erneut hoffnungslos verschulden, interessiert uns nicht.
Das Ganze ist so hanebüchen, dass man kaum Worte findet, um es zu kommentieren. Explizit zu sagen, es handele sich nicht um ein Nullsummenspiel (was ja niemals ein vernünftiger Mensch behauptet hat, es geht bei der ernsthaften Kritik um Saldenlosigkeit, die keineswegs ein Nullsummenspiel impliziert), sollte jeden Ökonomen in Lateinamerika sofort auf die Palme treiben. Europa hat offenbar nichts anderes im Sinn, als das Defizitland USA durch neue Defizitländer zu ersetzten. Und ausgerechnet die Länder hat man sich ausgesucht, die mehr als alle anderen auf der Welt in den vergangenen Jahrzehnten unter Auslandsschulden gelitten haben. Bravo, das nennt man Dreistigkeit.
In Wirklichkeit wird Mercosur, sollte es tastsächlich einmal in Kraft treten, gesamtwirtschaftlich nicht viel bewirken – außer es gelingt tatsächlich, die lateinamerikanischen Länder für einige Jahre über den Tisch zu ziehen. Sektoral, vor allem in der Landwirtschaft, kann es durchaus große Effekte mit sich bringen. Dass die auch massiv negativ für die europäische Landwirtschaft ausfallen können, ist keine Frage. Im Gegenzug kann Europa selbst ohne globale Überschüsse im Bereich der Industrie vermutlich einiges gewinnen.
Ob das Abkommen für beide Seiten lohnt, selbst wenn man große Ungleichgewichte in den Handels- und Leistungsbilanzen vermeiden kann, weiß niemand. Am wahrscheinlichsten ist allerdings die Kochsche Variante mit großen Ungleichgewichten zugunsten Europas in der ersten Runde und großem Heulen und Zähneklappern in der zweiten. Da Lateinamerika chronisch die größten denkbaren makroökonomischen Fehler macht (auf der politisch linken Seite wie auf der rechten), wird es erst merken, wie gefährlich Freihandel mit den europäischen Merkantilisten ist, wenn das Kind längst im Brunnen liegt.