Zur Ergänzung meines gestrigen Papiers über die Macht der Notenbanken, muss ich anmerken, dass das nicht vorhandene Wissen um die makroökonomischen Zusammenhänge immer tollere Blüten in Sachen Sanktionierung der USA hervorbringt.
Das Handelsblatt glaubt, „im Panzer der Wirtschaftsgroßmacht USA (klaffe) eine Lücke: die ausufernden Staatsschulden, für deren Deckung die US-Regierung einen stetigen Strom an internationalem Kapital braucht.“ Das ist falsch.
Die USA verzeichnen ein Defizit in der Leistungsbilanz, dessen Counterpart als Nettozustrom von Kapital verbucht wird (hier nähere Erläuterungen zu den Buchungsvorgängen in einem Artikel von Jochen Nanninga)). Mit einem Kapitalzufluss, den auch der amerikanische Staat nutzen könnte, hat das nichts zu tun. Die USA verschulden sich lediglich, um mehr Güter im Ausland kaufen zu können, als sie selbst exportieren. Das genau möchte Trump beenden, denn er will ja das amerikanische Leistungsbilanzdefizit deutlich reduzieren. Gelänge das, bräuchte er weit geringere staatliche Defizite.
Eine Zeitung, die noch vor wenigen Tagen den chinesischen Handelsbilanzüberschuss als „Export von Arbeitslosigkeit“ bezeichnet hat, müsste eigentlich begreifen können, dass das amerikanische Handelsbilanzdefizit Import von Arbeitslosigkeit bedeutet. Wer aber Arbeitslosigkeit importiert, braucht den damit zusammenhängenden „Strom an Kapital“ so, wie man Pest und Cholera braucht.
Ich habe in einem Artikel vom letzten Sommer die Zusammenhänge näher beschrieben. Hier ein Auszug:
„Derzeit liegt die Sparquote der privaten Haushalte der USA bei etwa 4 Prozent des BIP. Die amerikanischen Unternehmen weisen ebenfalls eine positive Sparquote auf, die zwar schwankt, aber in den vergangenen Jahren etwa bei einem Prozent des BIP gelegen hat. Hinzu kommt das Leistungsbilanzdefizit der USA, das nichts anderes bedeutet, als dass auch das Ausland „für die USA“ spart bzw. den USA – in der Größenordnung von mindestens 3 Prozent des BIP – Nachfrage wegnimmt. Summa summarum sind wir bei 8 Prozent des BIP (oder mehr als zwei Billionen US-Dollar), die in jedem Jahr an Nachfrage in der größten Volkswirtschaft der Welt fehlen.
Was soll der Staat tun? Unterstellen wir einmal, was für die USA absolut realistisch ist, dass es das oberste Ziel jedes gewählten Präsidenten ist, Rezessionen und steigende Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Will er (oder sie) eine Rezession vermieden, muss der Präsident – auf welche Weise auch immer – die Nachfragelücke schließen. Dazu muss, da beißt die Maus kein‘ Faden ab, der staatliche Nachfrageschub 8 Prozent des BIP betragen, was heißt, dass die USA jedes Jahr ein staatliches Defizit von 8 Prozent brauchen, um über die Runden zu kommen. Ob sich damit wirklich Wachstum generieren lässt, ist eine offene Frage. Es ist nur das Minimum dessen, was man braucht, um nicht in eine Rezession zu geraten.
Dass Trump versucht, das Problem dadurch etwas zu entschärfen, dass er sich bemüht, das außenwirtschaftliche Defizit deutlich zu reduzieren bzw. ganz zu eliminieren, ist ihm nicht zu verdenken. Gelänge ihm das, müssten die staatlichen Defizite Jahr für Jahr nur bei 5 Prozent des BIP liegen. Immerhin!
Die staatliche Schuldenquote steigt enorm
Doch was bedeutet das für die Schuldenquoten des Staates in den USA? Bei einem laufenden Defizit des Staates von 8 Prozent und einem (rein fiktiven) Wachstum von 2 ½ Prozent liegt die amerikanische Staatsschuldenquote im Jahr 2040 bei über 250 Prozent. Beträgt das Wachstum lediglich 1 ½ Prozent, sind 2040 schon die 300 Prozent überschritten.
Liegt das laufende Defizit dagegen nur bei 5 Prozent, sind die USA bei 2 ½ Prozent Wachstum 2040 weit von einem Schuldenstand von 250 Prozent entfernt, sie liegen dann nur bei etwas über 170 Prozent. 250 Prozent wären dann erst im Jahr 2055 erreicht.
Man sieht, die einfache Rechnung ist brutal und überfordert schon die Vorstellungskraft der meisten Beobachter. Aber eine Wirtschaft, in der sich die Unternehmen per Saldo nicht mehr verschulden, sondern per Saldo sparen, haben alle diese Beobachter nicht verstanden. Wer Zeter und Mordio schreit, weil die staatlichen Schulden steigen, sich aber nicht mit der Rolle der Unternehmen (als Sparer) auseinandersetzt, hat einfach keine Ahnung (oder will keine Ahnung haben), wovon er spricht.
Was folgt?
Die Furcht vor einem Crash wegen der US-Staatsschulden ist vollkommen abwegig. Der amerikanische Staat tut nur das, was alle von ihm erwarten, nämlich dafür zu sorgen, dass die Volkswirtschaft auf einem positiven Entwicklungspfad bleibt und Vollbeschäftigung erreicht wird. Die Märkte wissen das komischerweise, obgleich immer wieder (wie im oben erwähnten „Handelsblatt Essay“) das Gegenteil behauptet wird. Der langfristige Zins (10-jährige Staatsanleihen) in den USA liegt, genauso wie in Europa (und Deutschland), ganz nahe beim kurzfristigen Zins. Wo soll er sonst liegen?
Gäbe es Furcht vor einem Ausfall der US-Anleihen müsste er, jedenfalls im Vergleich zu Europa, weit über dem kurzfristigen Zins liegen. Dass er über dem europäischen liegt, hat gar keine Bedeutung, sondern ist nur Ausdruck der unterschiedlichen Geldpolitik. Und die amerikanische Geldpolitik hält den Zins höher, weil das Wachstum weiterhin gut und Vollbeschäftigung erreicht ist.
Findet man keine Lösung für die sparenden Unternehmen (Unternehmenssteuersenkung ist genau das Gegenteil dessen, was man tun sollte), ist die Marktwirtschaft auf Dauer eine vom Staat nicht nur gelenkte, sondern auch permanent angeschobene Wirtschaft. Da mögen die Libertären schäumen, sie beweisen damit aber nur, dass sie nicht wissen, wovon sie reden.
Auch der weit verbreitete Glaube, man könne mit Wachstum die Zunahme des Schuldenstandes des Staates verhindern, ist naiv. Dazu müsste das Wachstum über der Nachfragelücke liegen, die vom Sparen geschaffen wird. Das geht ausnahmsweise nur dann einmal, wenn es einem Land gelingt, durch Leistungsbilanzüberschüsse die eigene Sparlücke – auf Kosten anderer Länder selbstverständlich – sehr klein zu halten. Deutschland hat das im goldenen Zeitalter von Wolfgang Schäuble (mit Leistungsbilanzüberschüssen von 7 bis 8 Prozent des BIP) tatsächlich geschafft. Trump zeigt, dass die anderen Länder so dumm jetzt nicht mehr sind.“