Liebe Leser1,
mit der Veröffentlichung meines Buches zu den Grundlagen einer relevanten Ökonomik im Herbst 2024 habe ich ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die Zusammenführung der Ideen, die sich am besten mit „Relevanter Ökonomik“ beschreiben lassen, hat in der Öffentlichkeit zu sehr viel positiver Resonanz geführt. Geschwiegen hat dagegen die sogenannte Wirtschaftswissenschaft.
Mit der – weitgehend unveränderten – zweiten Auflage der „Grundlagen“, die in diesem September (als Studienausgabe) erscheinen soll, wurde auch diese Seite einer äußerlichen Renovation unterzogen. Inhaltlich wird sich nichts ändern, der Kampf um die Köpfe derer, die in der Lage sind, komplexe Systeme unvoreingenommen zu analysieren und angemessene Schlussfolgerungen zu ziehen, geht weiter.
Die herrschende Wirtschaftswissenschaft besteht immer noch aus dem Versuch, Marktlösungen zu finden, statt Erklärungen für das zu suchen, was wirklich geschieht. Schon die Aufteilung der Welt in „Märkte“, vom Kapitalmarkt über den Gütermarkt bis zum Arbeitsmarkt, die praktisch jedes Modell und jedes Lehrbuch der Ökonomik zum Leitfaden nimmt, führt fundamental in die Irre. Die Frage, ob und wie ein Markt funktionieren könnte, wenn man nur genügend Annahmen macht, ersetzt die Frage, die eigentlich Ausgangspunkt jeder Wissenschaft ist, nämlich welche Abläufe in der Wirklichkeit zu beobachten sind, ganz gleich, ob dabei Märkte eine Rolle spielen oder auch nicht.
Weil die Suche nach Marktlösungen das Forschungsinteresse der meisten Ökonomen dominiert, neigen sie dazu, die wirkliche Welt durch Modelle zu ersetzen, in denen Märkte die entscheidenden Probleme lösen. Auch wenn die Annahmen, die diesen Modellen zugrunde liegen, in keiner Weise mit der Wirklichkeit übereinstimmen, zieht man daraus Schlussfolgerungen für die Politik. Schwache empirische Bestätigungen lassen sich auch für Modelle finden, die nichts mit den realen Abläufen zu tun haben. Die Wahl der ökonometrischen Methodik ersetzt die konkrete Analyse der Empirie. Für die Frage, wie sich mit staatlicher Politik die Lage der Masse der Menschen verbessern lässt, finden sich auf diesem Weg nur durch Zufall tragfähige Antworten.
Man muss daher einen völlig anderen Weg gehen. Man muss fragen, ob es für die wichtigsten empirisch klar bestätigten Phänomene angemessene Erklärungen gibt, wenn man grundlegende makroökonomische Zusammenhänge berücksichtigt. Einzelne Märkte und einzelwirtschaftliches Verhalten werden selbstverständlich in diese Erklärungsversuche einbezogen. Für die entscheidenden makroökonomischen Preise aber, den Zins, die Löhne und die Währungsrelationen, kann man sich nicht auf Marktlösungen verlassen, weil Evidenz und Logik zeigen, dass hier die Voraussetzungen für stabile Angebots- und Nachfragekurven niemals gegeben sind.
Obwohl es also im Großen und Ganzen um die wissenschaftliche Auseinandersetzung geht, werde ich mir sicher die eine oder andere politische Polemik nicht verkneifen können. Das ist unvermeidbar in einer Welt, in der die großen Medien in Sachen kritische Analyse durch die Bank versagen und in der die Politik sich mehr und mehr darauf reduziert, inhaltsleere Sprechblasen zu produzieren statt die unumgängliche Auseinandersetzung zu den großen Themen der Zeit voranzutreiben.
1 Ich werde mich auf dieser Seite aller Sternchen oder sonstigen Genderzeichen enthalten. Mit „die Leser“ (feminin!) sind selbstverständlich ohnehin alle Menschen ohne jedes Ansehen ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe oder irgendeiner anderen Kategorie gemeint.