Zum Inhalt springen
Arbeit

Die KI: Effizient und dumm zugleich

Ein Leser hat Teile meines Artikels über Frankreich von einer KI überprüfen lassen und war erstaunt, wie kritisch die KI meine Schlussfolgerungen beurteilt. 

Mein Satz:

„Ein Land mit Leistungsbilanzüberschuss kann sich staatlicherseits bei der Verschuldung zurückhalten.“

Wurde folgendermaßen beurteilt:

„Das ist im Kern richtig, aber missverständlich formuliert.

Ein Leistungsbilanzüberschuss bedeutet vereinfacht, dass die Einnahmen eines Landes aus dem Ausland seine Ausgaben dort übersteigen. Die Volkswirtschaft spart also insgesamt mehr, als sie im Inland investiert.

Der entscheidende Zusammenhang lautet:

Leistungsbilanzsaldo = gesamtwirtschaftliches Sparen minus gesamtwirtschaftliche Investitionen.

Daraus ergeben sich zwei wichtige Konsequenzen:

  • Ein Land mit einem Leistungsbilanzüberschuss stellt dem Ausland per saldo Finanzierungsmittel zur Verfügung.
  • Ein Land mit einem Leistungsbilanzdefizit nimmt per saldo Finanzierungsmittel aus dem Ausland auf.“

Ich habe schon vor einigen Tagen am Beispiel einer Studie der Allianz gezeigt, dass diese Interpretation einer Identität zu unsinnigen Ergebnissen führt. Man kann über größere Sparanstrengungen keinen Leistungsbilanzüberschuss erzielen. Ich habe das in diesem Beitrag ausführlich erklärt.

Warum ist die KI so dumm?

Um die Sache geht es heute jedoch nicht. Es geht um die Frage, warum die KI so dumm ist. Ich arbeite selbst seit einigen Monaten recht intensiv mit einer KI und bin mehr als zufrieden; es ist geradezu fantastisch wie schnell man bei bestimmten Aufgaben gute Ergebnisse erzielen kann. Ich habe beispielsweise in diesen Tagen die englische Version meines Grundlagenbuches, die bald erscheinen wird, der KI zum Korrekturlesen gegeben und hatte nach etwas mehr als einer halben Stunde eine klar ausgearbeitete Liste von Punkten, die korrekturbedürftig sind. Ein Mensch hätte dafür mehrere Tage oder gar eine ganze Woche gebraucht. Auch bei statistischen Arbeiten wie dem Auffinden von Daten und der Erstellung von Graphiken für klar definierte Zeitreihen ist die KI unglaublich effizient. 

Doch das hat mit dem obigen Problem nichts zu tun. Wann immer es um die Frage von Zusammenhängen theoretischer Art geht, hilft sich die KI nicht durch eigenes Nachdenken (obwohl sie immer sagt „ich denke nach“), sondern durch die Ermittlung der Mehrheitsmeinung in der Wissenschaft. Das ist jedoch Statistik, nicht Wissenschaft. Wenn die Mehrheitsmeinung falsch ist, liegt auch die KI falsch. In diesem Fall benutzt sie die (ex post) Identität von Sparen und Investieren für den Fall einer offenen Volkswirtschaft, ohne sich auch nur den geringsten eigenen Gedanken zu machen, weil das in den sogenannten Wirtschaftswissenschaften genau so üblich ist. Die meisten Ökonomen, wie in dem oben verlinkten Stück gezeigt, benutzen ebenfalls die primitive Identität, ohne das Problem wirklich logisch zu durchdringen und eine tragbare Erklärung zu finden.

Die KI kann nicht denken. Noch schlimmer ist, sie kennt die Wirklichkeit nicht. Sie hat nicht beobachtet, dass Deutschland (in der EWU) zuerst Lohndumping betreiben musste, bevor es einen hohen Leistungsbilanzüberschuss erzielen konnte. Folglich kann sie auch nicht darüber nachdenken, ob die einfache Identität von Sparen und Investieren nicht viel zu einfach ist, um einen komplexen globalen Zusammenhang zu erklären. Die KI kann auch nicht über die Grenzen der ihr gestellten Aufgabe hinausdenken. Sonst würde sie nämlich von sich aus auf die von mir immer wieder gestellte Frage eingehen, wie es wäre, wenn alle Länder der Welt mehr zu sparen versuchten, um Leistungsbilanzüberschüsse zu erzielen. Sie würde dann merken, dass das unmöglich ist und schlussfolgern, dass dann auch ein einzelnes Land keineswegs ohne Probleme Überschüsse erzielen kann, wenn es versucht, mehr zu sparen. Aber sie kennt die Welt ja nicht, weil sie die Wirklichkeit nicht kennt.

Was folgt daraus?

KI kann keine wissenschaftliche Arbeit ersetzen. Wissenschaftliche Arbeit ist ja gerade die Erklärung der Vorgänge in der Wirklichkeit durch immerwährenden Abgleich der Theorien mit den konkreten Beobachtungen (außer in den sogenannten Wirtschaftswissenschaften, die sich eine Kunstwelt geschaffen haben, die den Abgleich mit der Wirklichkeit nicht mehr verlangt). KI kann bestimmte Hilfsarbeiten mit ungeheurer Effizienz erledigen. Wer aber Antwort auf die wirklich wichtigen Fragen unserer Zeit sucht, muss sich an Menschen wenden, er findet sie nicht bei KI. 

Dennoch wird KI enorme Auswirkungen auf unser Arbeitsleben haben. Viele Berufe, die darauf spezialisiert sind, Wissen weiterzugeben oder ein bestimmtes Wissen auf bestimmte Tatbestände anzuwenden, werden verschwinden. Wissen als solches kann von der KI schneller und effizienter als von Menschen angeboten und verarbeitet werden. Auch für Anwendung von bekannten mathematischen Lösungen braucht man keine Menschen mehr. Programmierung etwa ist ein Feld, wo die KI ihren Siegeszug schon längst angetreten hat. 

Das ist sicher eine Revolution, aber keine, die unser Wirtschaftssystem grundlegend in Frage stellt. Es gibt massive Strukturveränderungen in einigen Bereichen, weil einige Berufe schlicht überflüssig werden. Aber überall da, wo der Mensch permanent die Wirklichkeit mit der Theorie abgleichen muss (man denke nur an das Gesundheitssystem, an viele Bereiche der Industrie, das Handwerk oder die Ernährungswirtschaft), bleibt der Mensch zweifellos dominant. 

Arbeitslosigkeit folgt aus dieser Strukturveränderung so wenig wie aus den vielen Strukturveränderungen der Vergangenheit, wenn gleichzeitig eine Politik betrieben wird, die dafür sorgt, dass sich die Produktivitätsgewinne durch KI in höheren Reallöhnen und damit in höherer Nachfrage niederschlagen. Vor vierzig Jahren schon hat man die menschenleere Automobilfabrik als Horrorszenario an die Wand geworfen. Seitdem hat sich die Roboterisierung unglaublich schnell fortgesetzt. Dennoch arbeiten immer noch hunderttausende in den Automobilfabriken.

Bei einer Beschleunigung des Strukturwandels ist es allerdings umso wichtiger, dass neben einer angemessenen Lohnanpassung auch eine angemessene makroökonomische Politik betrieben wird. Da liegt heute der Hund begraben. Alle reden über KI, über das grandiose Versagen der Politik redet kaum jemand.