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Die Weltwirtschaft, Europa und die Währungsunion

Zinsen für Staatsanleihen: Alles im normal spekulativen Bereich

Über nichts wird derzeit mehr diskutiert als über die Zinsentwicklung bei Staatsanleihen. Ein Blick auf die Zahlen hilft, Panikmache von seriöser Information zu unterscheiden. Nichts ist derzeit außergewöhnlich außer dem Ausmaß der Spekulation darüber, was die Notenbanken als Nächstes tun werden. Das aber liegt vor allem daran, dass die Notenbanken selbst nicht wissen, was eine angemessene Reaktion auf den derzeitigen Angebotsschock ist.

Besonders im Fokus stehen die USA mit – wie alle Nichtswisser gerade wissen – 40 Billionen US-Dollar an Staatsschulden. Doch wo ist das Problem? Die Abbildung 1 zeigt, dass sich in den USA der langfristige Zins ein wenig vom kurzfristigen gelöst hat, aber nicht viel mehr als in früheren Phasen wie etwa in den Jahren 2021 und 2022. Der langfristige Zins folgt in der Tendenz immer dem kurzfristigen, aber niemals vollständig und perfekt. Das ist auch vollkommen klar, weil die Märkte (der für kurze Laufzeiten und der für lange) nicht voneinander getrennt sind, die Notenbank aber immer die volle Macht über den kurzfristigen Zins besitzt.

Setzt sich in den „Märkten“ die Überzeugung fest, die Notenbank werde über kurz oder lang die Zinsen erhöhen, geht man raus aus dem langfristigen Markt, weil eine Zinserhöhung bedeutet, dass niedrigverzinsliche Staatsanleihen, die man im Portfolio hält, an Wert verlieren. Dem versuchen viele Marktteilnehmer durch einen frühzeitigen (teilweisen) Ausstieg aus dem Markt für langlaufende Papiere zu entgehen (wobei man immer bedenken muss, dass die Papiere nicht vom Markt verschwinden, sondern wiederum von jemandem gekauft werden, nur der Marktdruck geht in die Richtung Verkauf, was die Preise zum Sinken bringt). Wenn also die Möglichkeit einer Zinserhöhung durch die Zentralbank im Raum steht oder von voreiligen Mitgliedern des Zentralbankrates angedeutet wird, steigen die langfristigen Zinsen.  

Abbildung 1

Liniendiagramm zum Vergleich des US-Geldmarktzinses mit der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen von Januar 2020 bis September 2026.

Sobald die Zentralbank die Zinsen wirklich erhöht, verringert sich der Abstand zwischen kurz oder lang wieder. Erhöht sie die Zinsen tatsächlich nicht, kommt es ebenfalls zu einer Angleichung, weil die Märkte die Papiere, die sie zuvor abgestoßen haben, wieder verstärkt zurückkaufen, die Preise steigen und die langfristigen Zinsen sinken.

In Deutschland ist die Lage nicht viel anders als in den USA (Abbildung 2), obwohl es offenkundig ist, dass die USA eine Schuldenpolitik verfolgen, die absolut konträr zu der in Deutschland ist. Schon hier müsste man fragen, wie es sein kann, dass zwei so grundverschiedene Länder eine ganz ähnliche Zinsstruktur aufweisen (etwas mehr als ein Prozentpunkt Abstand zwischen kurz und lang). Begreifen die „Märkt“ nicht, dass Deutschland alles tut, um eine solche Schuldenspirale wie in den USA zu vermeiden? Warum honorieren die Märkte die deutsche Tugendhaftigkeit gar nicht? 

Ein Grund für die – im Verhältnis zu den USA – „Bestrafung“ Deutschlands ist allerdings die Zinserhöhung durch die EZB in diesem Jahr. Setzt die EZB diese Politik in dieser Woche mit einer zweiten Zinserhöhung fort, wird die „Bestrafung“ vermutlich noch härter. Dann zeigt sich mit allerletzter Klarheit, dass die Zinsstruktur kein Marktergebnis ist, sondern den Märkten von der Notenbank mehr oder weniger diktiert wird. 

Abbildung 2

Liniendiagramm zum Vergleich des Geldmarktzinses im Euroraum mit der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von Januar 2020 bis September 2026.

Allerdings

Etwas anders ist die Situation in Frankreich zu beurteilen (Abbildung 3). In Frankreich liegt der langfristige Zins doch deutlich über dem deutschen, obwohl beide Mitglieder der gleichen Währungsunion sind, also exakt die gleichen geldpolitischen Bedingungen haben. Der langfristige Zins liegt exakt zwei Punkte über dem kurzfristigen.

Abbildung 3

Liniendiagramm zum Vergleich des Geldmarktzinses im Euroraum mit der Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen von Januar 2020 bis September 2026.

Das hat seinen Grund. Die „Märkte“ shorten französische Anleihen eher als deutsche, weil die EWU schon einmal gezeigt hat, was sie niemands hätte zeigen dürfen, nämlich dass einzelne Länder im Euroland insolvent werden können. Das ist das Griechenlandsyndrom. Frankreich leidet derzeit unter der Wahnsinnspolitik gegenüber Griechenland in den Jahren 2011 bis 2015, die dem Letzten klargemacht hat, dass die Europäische Währungsunion von vollkommen inkompetenten Ökonomen ausgedacht wurde und von Laien-Wirtschaftspolitikern umgesetzt wird. 

Es wäre jetzt eine gute Gelegenheit, den Märkten diese Idee ein für allemal auszutreiben, indem die Zentralbank zeigt, dass sie unterschiedliche langfristige Zinsen in der EWU nicht duldet. Doch woher soll auf einmal der Verstand kommen, der nötig wäre, um sich über die lächerlichen Spekulationen der Märkte hinwegzusetzen?

Auch für die immer wieder zuhörende Ansicht, die Märkte „verlangten“ einfach höhere Zinsen, gibt es keine Begründung. Markteilnehmer haben generell nichts zu verlangen, sondern müssen sich an die Marktgegebenheiten anpassen. Wenn sie keine Alternativen zu Staatsanleihen haben, was für die Welt insgesamt offensichtlich ist, können sie ein wenig Bohei veranstalten, aber einen wirklichen Einfluss haben sie nicht. Ebenso wie die kurzfristigen Zinsen ist auch die Zinsstruktur letztlich ein Geschöpf der Notenbank, die sich jederzeit rigoros über die Märkte hinwegsetzen kann. Und sie muss das immer wieder tun, weil die „Finanzmärkte“, wie ich es in meinem Grundlagenbuch ausführlich gezeigt habe, gar nicht in der Lage sind, vernünftige Ergebnisse bei der Preisbildung zu erzielen.

Die Graphiken wurden mit Hilfe von KI erstellt.