Der IWF empfiehlt Europa ein Harakiri-Programm, ignoriert aber die viel höhere Staatsverschuldung der USA

Kluge Autoren wie Michael Sauga vom Spiegel bemerken sofort, wenn es Ernst wird: Europa braucht jetzt Austerität. Fährt Europa nicht sofort ein Austeritätsprogramm, ist es verloren. Europa muss auf Teufel komm raus sparen. Am besten wäre ein Austeritätsprogramm à la Schröder Agenda. Das nennt der Spiegel „Politik ohne Geld“. Übersetzt bedeutet es allerdings Betrug an den Nachbarn, genannt wird es Merkantilismus. 

Der Spiegel-Autor ist aber nur der Bote. Er weiß das alles so genau, weil er die jüngsten Empfehlungen des Internationalen Währungsfonds für Europa gelesen hat. In einer 70 Seiten langen Studie hat die Organisation in Washington den Europäern ins Stammbuch geschrieben, wie man intelligent konsolidiert. 

Leider ist die Theorie hinter der Studie so unterirdisch schlecht, dass man sich fragt, wie es möglich ist, dass eine Institution, die von den Mitgliedsländern mit viel Geld ausgestattet wird und die besten Ökonomen der Welt anheuern kann, in der Lage ist, solch einen Stuss zu produzieren.

Die Vorgehensweise bei solchen Studien ist immer die gleiche: Um zu „beweisen“, dass Konsolidierung der Staatsfinanzen möglich ist, ohne die Wirtschaft zu schädigen, sucht man möglichst viele Episoden in möglichst vielen Ländern zusammen, die zeigen, dass es tatsächlich passiert ist, nämlich dass eine Wirtschaft gewachsen ist, obwohl konsolidiert wurde. Daraus schließt man dann, dass man es jederzeit wieder tun kann, wenn nur der politische Wille vorhanden ist. Bei diesem Vorgehen braucht man nicht nachdenken und man braucht keine Theorie. Wenn man eine Reihe von Ländern findet, die trotz Austerität wirtschaftlich nicht schlecht abgeschnitten haben, ist der „Beweis“ erbracht. 

Eine solche Vorgehensweise erforderte, wenn sie erfolgreich sein sollte, unglaubliche Akribie, was die Beschreibung der Voraussetzungen für solche Perioden angeht. Es hat nämlich niemand jemals bestritten, dass der Staat sein Defizit verringern kann, wenn woanders genügend expansive Gegenkräfte vorhanden sind. Bestes Beispiel ist Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts, wo man, ich habe es hunderte Male erklärt, durch reale Abwertung in der Währungsunion die Verschuldung ins Ausland verlagert hat. Auch die USA hatten Ende der 1990er Jahre eine kurze Phase der Konsolidierung, aber das gelang nur, weil die privaten Haushalte für eine kurze Zeit ihre Sparquote unter null senkten. Das ist danach nie mehr passiert und folglich lernt man auch daraus nichts. 

Was beweisen solche Fälle? Gar nichts! Der erste beweist, dass Merkantilismus funktionieren kann, wenn die Handelspartner es sich gefallen lassen. Der zweite, dass die privaten Haushalte sich einmal, wie damals geschehen, von einem Börsenboom irritieren lassen. Was lernt man daraus? Gar nichts! Kann man es einfach wiederholen? Auf keinen Fall!

England und Frankreich: Keine Lösung weit und breit

Betrachten wir einmal im Detail die beiden Länder, die derzeit im Mittelpunkt des Interesses stehen. Frankreich und England haben exakt das gleiche Problem und sind vollkommen unfähig, das Problem zu lösen, wenn sie dem ökonomischen Mainstream vertrauen. 

Abbildung 1 zeigt die Finanzierungssalden für das Jahr 2025 in Frankreich. Gespart werden fast 180 Milliarden Euro. Das Leistungsbilanzdefizit war 2025 klein, so dass die Masse der Ersparnis (170 Milliarden) auf die privaten Haushalte entfällt. Bei den Gegenposten auf der Schuldnerseite fällt auf, dass die Unternehmen in Frankreich im vergangenen Jahr sogar ein kleines Defizit aufweisen, sich also per Saldo verschuldet haben. Dennoch entfällt der weitaus größte Teil auf den Staat mit über 150 Milliarden.

Abbildung 1: Frankreich

Nicht viel anders in England. Das Sparen ist – in Pfund gerechnet – fast genauso groß wie in Frankreich, wobei allerdings das Leistungsbilanzdefizit mir fast 80 Milliarden Pfund viel größer ist. Von den Schulden entfallen in Großbritannien nur 14 der 174 Milliarden Pfund auf die Unternehmen. 160 Milliarden muss der Staat in Kauf nehmen (es gibt in England eine kleine statistische Diskrepanz zwischen Sparen und Schulden von 4 Milliarden Pfund).

Abbildung 2 Großbritannien

Was daraus folgt, ist ganz einfach, aber offensichtlich jenseits des intellektuellen Niveaus der Volkswirte des IWF. Man muss fragen, ob es in den nächsten Jahren gelingen kann, entweder die Leistungsbilanzen in beiden Ländern von Defizit zu Überschuss zu bringen oder ob es Maßnahmen gibt, die versprechen, die Unternehmen in weit größerem Maße zu Schuldnern zu machen als in den vergangenen 20 Jahren. Nur dann könnte der Staat sich problemlos zurückziehen. 

Beides muss man klar verneinen. Um einen Umschwung in der Leistungsbilanz herbeizuführen, müsste beide Länder real abwerten, also (für England) die eigene Währung schwächen oder (für Frankreich) die Löhne in der Währungsunion senken. Eine Abwertung der eigenen Währung mit staatlichen Eingriffen durchzusetzen ist jedoch nicht einfach in einer Welt, wo die USA mit Gewalt versuchen, ihr eigenes gewaltiges Defizit in der Leistungsbilanz zu verringern. Für Frankreich kommt hinzu, dass Lohnsenkung die wichtigste Nachfragekomponente, den Binnenkonsum schwer schädigen würden, was durch eine Abwertung auf keinen Fall schnell und niemals vollständig auszugleichen wäre. 

Um die Unternehmen wieder in viel größerem Maße auf die Schuldnerseite zu schieben, fehlen dem Staat die Mittel. Zinssenkung, was die am nächsten liegende Maßnahme wäre, hat sich in der Vergangenheit (in den 2010er Jahren) nicht als besonders wirksam erwiesen. De facto hat es kein Land der Welt in den vergangenen dreißig Jahren geschafft, die Unternehmen wieder zum Hauptschuldner zu machen. Wie sollte das in Frankreich oder England in den nächsten Jahren gelingen?

Der IWF geriert sich einfach als schwäbische Hausfrau, ohne zu sagen, welche Konsequenzen eine Austeritätspolitik in einem solchen Fall hätte. Das ist verantwortungslos. Man versteckt sich hinter einer theorielosen „Studie“ und kommt zu dem Schluss, dass es gut gehen kann, ohne die Frage zu stellen, ob in den wichtigsten europäischen Ländern die Voraussetzungen in ähnlicher Weise gegeben sind wie in den (zum Teil sehr kleinen) Ländern, in denen es einmal gut gegangen ist. Das Einzige, was der IWF aufzubieten hat, ist die Behauptung, der Abbau der öffentlichen Defizite würde dazu führen, dass die Leistungsbilanzdefizite sinken. Doch das ist theoretisch ebenfalls vollkommen daneben, wie hiergezeigt.

Frankreich und England haben keine Chance, ihre staatlichen Haushaltsdefizite zu reduzieren. Versuchen sie es, ruinieren sie die wirtschaftliche Entwicklung und die öffentlichen Haushalte müssen noch mehr ins Defizit gehen. Folglich sollten sie es gar nicht erst versuchen, weil das mit Sicherheit großen Schaden anrichtet. 

Der IWF ignoriert die USA und weiß warum

Hinzu kommt, und hier wird es für eine global agierende Institution wirklich peinlich, dass man nicht erkennt (oder nicht erkennen will), dass Europa (die Währungsunion) in ähnlicher Weise eine große relativ geschlossene Volkswirtschaft ist wie die USA und folglich auch so agieren muss. In einer anderen Veröffentlichung aus diesem Frühjahr hat der IWF fortgeschrieben, wie er erwartet, dass sich die laufenden Staatsdefizite in den wichtigsten Ländern entwickeln. Dort findet man die in Abbildung 3 nachgezeichneten Zahlen. Für alle Jahre von 2025 bis 2031 erwartet der IWF, dass Frankreich und England ihre Defizite verringern. In Deutschland bleiben sie ab 20256 etwa gleich bei vier Prozent.

Abbildung 3 IWF-Prognose

IWF Fiscal Monitor, April 2026

Toll ist allerdings, was der IWF in dieser Veröffentlichung für die USA unterstellt. Dort schreibt man für alle Jahre ein Defizit von 7 ½ Prozent des BIP fort, offenbar, ohne mit der Wimper zu zucken und wissend, dass es nicht anders geht. Das Ergebnis ist ein Anstieg der Verschuldungsquote (Gesamtschuld des Staates in Relation zum nominalen BIP) der USA von derzeit 125 Prozent auf 142 Prozent im Jahr 2031. Für die EWU wird dagegen erwartet, dass sich die Quote nur um einen Punkt erhöht, von 88 auf 89 Prozent.

Für Europa veranstaltet der IWF einen unglaublichen Zirkus um Zinserhöhungen, Finanzkrise usw. Für die USA gibt es nichts dergleichen. Der IWF weiß genau, was er von der US-Regierung zu erwarten hätte, wenn er für die USA mit ähnlichen Horrorszenarien wie für Europa an die Öffentlichkeit ginge. Nur die doofen Europäer, die kann man mit wilden Horrorgeschichten erschrecken, denen jede vernünftige Basis fehlt. 

Dank an Erik Münster für die Hilfe bei der Empirie.