Die Erzeugerpreise in der Industrie, die bei meinen Analysen in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt haben, treten nun auf einmal wieder in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Sie sind nämlich deutlich gestiegen. Um 6,7 Prozent haben sie im September im Vergleich zum Vorjahr zugenommen. Das liegt natürlich fast ausschließlich an den Preissteigerungen für Energie (die wir ohne Wenn und Aber Donald Trump und seinem höchst absurden Angriffskrieg gegen den Iran verdanken). Ohne Energie-Produkte gerechnet, stiegen die Erzeugerpreise nur um etwas mehr als 3 Prozent, was allerdings auch noch eine falsche Rechnung ist, denn Energie wird bei der Herstellung aller Produkte verwendet und ist folglich auch dort preistreibend, wo man es nicht unmittelbar erkennen kann.
Doch die Zahl von 6,7 Prozent treibt die Inflationsfetischisten auf den Plan. So schreibt die FAZ: „In der Statistik werden die Preise für Produkte von Herstellern geführt, bevor sie etwa in den Groß- und Einzelhandel kommen. Sie gelten deshalb als frühes Signal für die allgemeine Inflation.“ Klar, ein frühes Signal für allgemeine Inflation und dann, das weiß doch jeder, müssen schleunigst die Zinsen rauf.
Ich habe in dem ganz oben verlinkten Artikel gezeigt, dass die Erzeugerpreise als „frühes Signal“ nur so lange gut waren, wie sie stiegen. Sobald der Rückgang einsetzte, war von einem frühen Signal nicht mehr die Rede. Selbst als die Erzeugerpreise in den Jahren 2022 und 2023 deutlich mit Raten um die fünf bis zehn Prozent absolut fielen, wurden sie von all denen schlicht ignoriert, die nur darauf aus sind, dass die Zinsen steigen. Auch die EZB selbst, die genau wusste, dass die Erzeugerpreise tatsächlich ein „frühes Signal“ sind, ignorierte sie in ihren Analysen vollständig.
Wenn die EZB heute genauso ignorant vorgeht wie im Jahr 2022, kann man sich jede weitere Diskussion über die Anregung der europäischen Wirtschaft, mit „Reformen“ oder welchen Maßnahmen auch immer, einfach sparen. Wenn die EZB auch dieses Mal nicht versteht, dass sie nur Schaden anrichtet, wenn sie ohne Rücksicht auf die wirtschaftliche Lage mit höheren Zinsen Preissteigerungen bekämpft, die eindeutig temporär sind, dann kann sich die restliche Wirtschaftspolitik auf den Kopf stellen, aber sie kann nicht verhindern, dass es eine erneute Rezession gibt.
Doch die EZB und die Zinsen finden in den Diskussionen der Wirtschafts- und Finanzpolitiker einfach nicht statt. Man tut so, als sei die Höhe der Zinsen ein Naturereignis, das man einfach so nehmen muss, wie es kommt. Auch das zeigt, dass die europäischen Wirtschaftspolitiker durch die Bank ihrer Aufgabe nicht gewachsen sind. Gar über ein neues Mandat für die Notenbank zu reden, das weit weniger einseitig sein könnte, übersteigt den Horizont und die Vorstellungskraft jedes Parteipolitikers.
Ich habe es schon oft gesagt, aber man kann es gar nicht oft genug sagen: Ein hochkomplexes System wie die Europäische Währungsunion erfolgreich steuern zu wollen, setzt auch an der Spitze Personal voraus, das die inhaltlichen Zusammenhänge beherrscht und in der Lage ist, die entscheidenden Fragen ohne die üblichen Floskeln so zu kommunizieren, dass ein Großteil der Gesellschaft versteht, warum so und nicht anders gehandelt wurde. Man muss nur einmal eine Pressekonferenz der derzeitigen EZB-Präsidentin verfolgen, um zu sehen, wie unendlich weit wir von einem solchen Zustand entfernt sind.