Zum Inhalt springen
Deutsche Wirtschafts- und Finanzpolitik, Die Weltwirtschaft

Spanien, Europa und die USA im Vergleich: Europa ist abgehängt, Deutschland ist der absolute Verlierer

Einige Leser haben angemerkt, dass der Vergleich von Spanien mit den anderen drei großen Ländern in der EWU um die USA ergänzt werden sollte. Das ist richtig und das hatte ich tatsächlich von Anfang an vor. Ich habe es jetzt mit Hilfe einiger Graphiken umgesetzt, die wiederum eine KI generiert hat. 

Noch eine grundsätzliche Vorbemerkung ist nötig: Fast alle Kommentare zu meinem Interview beim Overton-Magazin (wo ich gesagt habe, dass die USA die wirtschaftspolitisch erfolgreichste Nation sind) zeigen, dass eine systematische volkwirtschaftliche Analyse leider nahezu unbekannt ist. Klar, in den USA regiert ein rothaariges Wesen, von dem man nicht genau weiß, was es ist und was es will; auch gibt es in den USA immer noch viel Armut und Elend; in Spanien ist es viel zu heiß, die Europäer machen sich kaputt mit dem Klimawandel, die Italiener sind sowieso korrupt, in Frankreich will man sowieso lieber konsumieren als arbeiten und die Stromkosten sind überall unterschiedlich. 

Das alles und noch vieles mehr gibt es auf dieser Welt – und es ist dennoch alles vollkommen irrelevant für die Frage nach dem wirtschaftlichen Erfolg oder Misserfolg von Nationen, solange man nicht eine Analyse durchgeführt hat, die die Bewegung der entscheidenden Größen (mit Betonung auf Größe!) der gesamten Volkswirtschaft erfasst. Man kann sich die Aufregung über all die Mikrofaktoren, die einem beim Reisen oder beim Surfen im Internet ins Auge fallen, sparen, wenn die makroökonomische Analyse klare Ergebnisse zeitigt[1].

Und die Ergebnisse der makroökonomischen Analyse sind sonnenklar: Die USA haben Europa meilenweit abgehängt und Deutschland ist das traurige Schlusslicht! Auch die Gründe dafür sind offensichtlich, wenn man die großen Nachfrageaggregate betrachtet. 

Das Abhängen hat schon vor Corona angefangen. Hinzu kommt, dass die USA während der Coronakrise weit weniger tief abgestürzt sind als die Europäer. Offensichtlich ist die amerikanische Regierung viel aggressiver und frühzeitiger gegen den Corona-Einbruch in Stellung gegangen. 

Abbildung 1

Der private Verbrauch und die Investitionen sind in den USA im Jahr 2020 nur wenig zurückgegangen, während beide in Europa regelrecht eingebrochen sind (Abbildung 2). Aber auch nach Corona haben die USA, obwohl sie schon vor Corona bei Vollbeschäftigung waren, angeschoben von der Regierung, ein Tempo vorgelegt, dem in den letzten drei Jahren, wie Abbildung 1 zeigt, nur Spanien folgen konnte.

Auch die übrigen großen Nachfrageaggregate belegen das andere Politikregime in den USA. Der reale Staatsverbrauch war ebenso hoch wie in Europa, aber die realen Investitionen liefen deutlich besser. Das hat allerdings nichts mit Marktwirtschaft zu tun, sondern nur mit der Tatsache, dass die amerikanische Regierung mit einem gewaltigen Anregungsprogramm den schockierenden ersten Einbruch der Wirtschaft abgefangen hat. Die amerikanische Arbeitslosigkeit war in den ersten Monaten nach dem Lockdown raketenartig in die Höhe gegangen. Die politische Antwort war deutlich: Das amerikanische Staatsdefizit stieg im Jahr 2020 auf über 15 Prozent des BIP (Abbildung 4). Deutschland mit seinen vier Prozent sieht dagegen lächerlich halbherzig aus.

Abbildung 2

Selbst bei den öffentlichen Investitionen lagen die USA 2020 nicht schlecht und liegen derzeit über Deutschland und Frankreich (Abbildung 3). Bei den privaten Investitionen waren die USA schon 2020 Spitze und werden zuletzt nur von Italien übertroffen, wobei man immer im Auge behalten muss, dass die italienischen Investitionen in erheblichem Maße auch vom Staat, aber diesmal in Form der Europäischen Kommission angeschoben wurden. 

Abbildung 3

Abbildung 4 zeigt zusammenfassend die entscheidenden Stellschrauben für die Entwicklung der fünf Volkswirtschaften. Deutschland hat sturheil auf seinen Leistungsbilanzüberschuss gesetzt und die Finger, so weit wie es eben ging, von den staatlichen Schulden gelassen. Die USA haben genau das Gegenteil gemacht. Der Staat hat dort trotz eines gewaltigen Leistungsbilanzdefizits frühzeitig die Zügel in die Hand genommen und mit außerordentlich hohen eigenen Defiziten die Wirtschaft angefeuert. 

Alle neoliberalen Ökonomen in Deutschland würden steif und fest behaupten, dass eine solch massive Aktion des Staates mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. In den USA wurden diese Vorurteile eindeutig widerlegt. Das Ergebnis der historisch ihresgleichen suchenden Anregung durch den Staat war kein Strohfeuer, sondern eine langanhaltend gute Wirtschaftsentwicklung bei Vollbeschäftigung, inzwischen fast ein volles Jahrzehnt andauert. Doch in Deutschland wird ohne jeden Widerspruch von immer den gleichen Interessenvertretern behauptet, staatliche Anregungen würden immer schnell verpuffen. 

Auch die beiden südeuropäischen Staaten haben in der Corona-Krise kräftig zugelangt und sind zudem von der europäischen Gemeinschaft massiv unterstützt worden. Ihre Leistung ist insgesamt nicht schlecht, auch wenn Italien sich mit Lohnzurückhaltung selbst ins Bein geschossen hat. Frankreich ist in den letzten drei Jahren Deutschland in die Stagnation gefolgt, weil es wenig Hilfe von Brüssel erhalten hat und die Regierung sich nicht getraut hat, sich über die absurden europäischen Schuldenregeln hinwegzusetzen. 

Die staatlichen Schulden sind in den vier relativ erfolgreichen Ländern weit höher als in dem Land, das mit Hilfe seiner Leistungsbilanzüberschüsse „erfolgreich“ die Defizitgrenze des Maastricht-Vertrags gehalten hat. Das ist fatal, weil Deutschland partout nichts lernen will.

Abbildung 4

Deutschland ist bei allen entscheidenden Größen wie bei der Einkommensentwicklung insgesamt und bei den Investitionen der klare Verlierer, ist aber mit Abstand das „beste Land“ bei den Staatsschulden. Dummerweise kann man sich dafür nichts kaufen. Ohne die deutsche Engstirnigkeit in Sachen Schulden hätte Europa in den Jahren seit 2017 insgesamt genauso gut abschneiden können wie die USA. Europa zahlt für die deutsche Schuldenphobie einen hohen Preis. 


[1] Ich will auch noch anmerken, dass ich den Laien, die solche Urteile abgeben, keine Vorwürfe mache. Schuld sind allein die Ökonomen, die ihr Fach aufgegeben und durch Traumtänzerei ersetzt haben. Hätten wir täglich sachkundige Ökonomen in der öffentlichen Diskussion, würde weniger herumgerätselt und herumgefaselt.