Reallöhne in Deutschland und Frankreich: abgehängt oder angehängt? 

Heiner Flassbeck und Erik Münster

Derzeit kursieren in Deutschland wieder einmal Bilder zur Entwicklung der Reallöhne und der Produktivität in Deutschland und anderen europäischen Ländern (von 1960 bis 2025), von denen man schwer sagen kann, ob sie seriös sind oder nicht. Quelle ist die Financial Times. Schon wird davon gesprochen, Deutschland sei ein gerechtes Land, weil hier die Reallöhne scheinbar kaum oder weniger hinter der Produktivität zurückgeblieben sind als in einigen anderen europäischen Ländern. 

Doch schon die Überschrift der Graphik in der FT ist verwirrend. Dort steht nämlich „Real hourly GDP per worker“ als Definition für die Produktivität. Ist es also die Produktivität pro Arbeitskraft oder pro Stunde der Arbeitskraft? Das ist ein bedeutsamer Unterschied. Da mit den Stundenlöhnen vergleichen wird, müsste man das reale BIP pro Arbeitsstunde (also real hourly GDP) verwenden, der „worker“ hat da nichts verloren. 

Das hat uns veranlasst, vom Jahr 2000 an für Deutschland und Frankreich nachzurechnen. Die Ergebnisse unterscheiden sich deutlich von dem, was man bei der FT (in sehr kleinen Bildern) zu erkennen glaubt. Von „Gerechtigkeit“ kann in Deutschland nicht die Rede sein. Die Darstellung in der FT ist nicht nachzuvollziehen.

Für die Darstellung der Löhne haben wir das von Eurostat ausgewiesene Arbeitnehmerentgelt (nominal hourly labour cost) verwendet, das Löhne und Lohnnebenkosten enthält. Als Inflationsrate haben wir die harmonisierte Verbraucherpreisrate von Eurostat verwendet. Das reale BIP ist, wie üblich, mit Hilfe des BIP-Deflators berechnet.

Der Vergleich mit der Arbeitsproduktivität (auch pro Stunde) zeigt für Deutschland ein erhebliches Zurückbleiben der Reallöhne hinter der Produktivität (Abbildung 1). Auslöser dafür war die Agenda-Politik unter Rot-Grün zu Beginn des Jahrhunderts, die sogar zu einem deutlichen Rückgang der Reallöhne führte. Ab 2011 sind die Reallöhne etwas schneller als die Produktivität gestiegen, aber es hat nicht gereicht, bei der von uns gewählten Basis (das Jahr 2000) die Produktivität wieder einzuholen. 

Abbildung 1

Quelle: Eurostat, eigene Berechnungen; Preisindex: Verbraucherpreise, Harmonisierter Verbraucherpreisindex, Jährliche Daten; Löhne: Arbeitnehmerentgelt pro Arbeitsstunde; Arbeitsproduktivität: Reales BIP je Arbeitsstunde

Einen enormen Rückschlag gab es dann im Zuge der starken Verteuerung vieler Rohstoffe in den Jahren 2022 und 2023. Die Reallöhne fielen weit zurück. Der Umschwung kam im Jahr 2024, als die Beschäftigten sich einen Teil der vorherigen Verluste zurückholen konnten. Das Produktivitätsniveau wurde bei der hier gewählten Basis nicht wieder erreicht. Hätte man etwa 2010 als Basis gewählt, würde das ganz anders aussehen: Dann hätten die Reallöhne im Jahr 2020 deutlich über der Produktivität gelegen und der nachfolgende Einbruch wäre weniger dramatisch gewesen. Dann hätte man allerdings die dramatischen Reallohnverluste im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts einfach ausgeblendet. 

Frankreich ist viel gerechter

Wie die Abbildung 2 zeigt, hat es in Frankreich zu Anfang des Jahrhunderts keine „Agenda-Politik“ gegeben, die Reallöhne sind exakt wie die Produktivität gestiegen, was heißt, dass die Lohnstückkosten genau dem von der EZB avisierten und realisierten Inflationspfad gefolgt sind. Das war die in der Europäischen Währungsunion angemessene Politik. 

Erst im Jahr 2019 und dann im Zuge der Inflationierung durch die globale Krise sind in Frankreich die Reallöhne weit zurückgefallen, obwohl hier die Produktivität sogar absolut gesunken ist. Auch hier ist die Abbildung in der FT verwirrend, weil die weit zurück liegende Basis 1960 gewählt wurde. Die klare Kopplung der Reallöhne an die Produktivität in den ersten 20 Jahren der Währungsunion in Frankreich widerlegt einige der Thesen in der FT, die die scheinbare Entkopplung zu erklären versuchen.

Abbildung 2

Quelle: Eurostat, eigene Berechnungen; Preisindex: Verbraucherpreise, Harmonisierter Verbraucherpreisindex, Jährliche Daten; Löhne: Arbeitnehmerentgelt pro Arbeitsstunde; Arbeitsproduktivität: Reales BIP je Arbeitsstunde

Frankreich hat durch seine vernünftige Lohnpolitik zu Beginn des Jahrhunderts massiv an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Deutschland verloren, da die deutschen Lohnstückkosten unter massivem politischem Druck gefallen bzw. weit hinter dem Inflationsziel zurückgeblieben sind. Um nicht ganz den Anschluss zu verlieren, muss Frankreich seitdem versuchen, durch Lohnzurückhaltung im internationalen Wettbewerb gegenüber Deutschland nicht noch mehr Marktanteile zu verlieren. 

Wie wäre Europa gelaufen ohne die deutsche Agenda-Politik?

Hätte Deutschland keine Agenda-Politik betrieben (und damit den Zusammenhalt in der Währungsunion hintertrieben) und ganz Europa wäre dem französischen Beispiel gefolgt, hätte die wirtschaftliche Entwicklung in Europa viel besser verlaufen können. Unterstützt von der richtigen Politik hätte man die stabile Aufwärtsentwicklung der Reallöhne nutzen können, um die Investitionen (öffentlich und privat) zu beleben und die Produktivitätsentwicklung deutlich zu verbessern. Die Tatsache, dass in Deutschland und Frankreich die Produktivität seit dem Beginn der zwanziger Jahre nicht mehr steigt, ist Ausdruck eines fundamentalen Versagens der Wirtschaftspolitik.

Wer in Deutschland davon träumt, die Agendapolitik in irgendeiner Form zu wiederholen, ist ein Narr. Die Agendapolitik hat für Europa insgesamt massiven Schaden angerichtet, da sie alle Länder dazu drängte, sich auf Lohndruck zu kaprizieren, statt auf einen möglichst konfliktarmen  Ausgleich der Interessen der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber hinzuarbeiten. Nur wenn alle Seiten darin übereinstimmen, dass die Reallöhne unter allen Umständen wie die Produktivität steigen sollten, weil das die Grundvoraussetzung für eine gesunde wirtschaftliche Entwicklung ist, kann ein Konstrukt wie die europäische Währungsunion ihre volle Wirksamkeit entfalten. Leider gibt es auch in Brüssel und in Frankfurt in den letzten Jahren niemanden mehr, der dieses einfache Prinzip verstanden hätte.