Ein Gastbeitrag von Cord Twele
Wer hat nicht schon die Mahnung seiner (Groß-)Eltern gehört: „Gib nicht mehr aus, als du einnimmst.“ Diese Lebensweisheit klingt nicht nur vernünftig, sondern ist für die allermeisten Menschen sogar selbstverständlich. Was auf der Mikroebene für einen privaten Haushalt zumindest langfristig gültig sein mag, kehrt sich jedoch auf der Makroebene in sein genaues Gegenteil um. Die wahrscheinlich folgenreichste und am häufigsten missverstandene gesamtwirtschaftliche Wahrheit lautet: Ausgaben und Einnahmen sind gesamtwirtschaftlich immer gleich hoch, aber die Ausgaben gehen den Einnahmen stets voraus. Nicht umgekehrt.
Die logische und zeitliche Priorität der Ausgaben gegenüber den Einnahmen ist der Schlüssel zum Verständnis des wirtschaftlichen Kreislaufs, der Rolle des Staates in der Konjunktursteuerung, der Bedeutung des modernen Kreditgeldes und insbesondere der immer wiederkehrenden politischen Debatten über Haushaltsdisziplin und Schulden. Im Folgenden soll dieser Zusammenhang mit seinen Konsequenzen und Widerständen dargelegt werden.
Der Kreislauf
Um die Ausgaben-Einnahmen-Logik zu verstehen, muss man den wirtschaftlichen Kreislauf in seiner Grundstruktur begreifen. Der volkswirtschaftliche Kreislauf beschreibt die gegenseitigen Abhängigkeiten und Verbindungen zwischen den vier sektoralen Akteuren: private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland.
In einer Geldwirtschaft beginnt absolut jede wirtschaftliche Aktivität zwingend mit einer Ausgabe. Bevor z. B. ein Unternehmen Umsatz erzielen kann, muss es „investieren“ in Produktionsressourcen, also Maschinen, Personal, Rohstoffe etc. Bevor ein Angestellter seinen Lohn empfangen, also eine Einnahme erzielen kann, muss der Arbeitgeber ihn bezahlen, also eine Ausgabe tätigen. Bevor der Staat Steuereinnahmen verbuchen kann, müssen wirtschaftliche Transaktionen stattgefunden haben, die besteuerbare Einnahmen erzeugen. Anders geht es nicht. Diese zwingende Kausalität lässt sich in vier Stufen beschreiben:
- Ausgabe: Ein Akteur tätigt eine Ausgabe. Sei es ein Unternehmen, das eine Maschine bestellt, der private Haushalt, der seine Einkäufe tätigt, oder der Staat, der ein Infrastrukturprojekt finanziert.
- Einnahme: Die Ausgabe des einen wird zur Einnahme eines anderen Akteurs. Der Maschinenhersteller und der Einzelhändler erzielen Umsatz, das Bauunternehmen erhält einen Auftrag mit Abschlagszahlungen.
- Produktion: Die erzielten Einnahmen ermöglichen und vor allem motivieren Produktion; neue Güter entstehen.
- Einkommen: Aus der Produktion entstehen Löhne, Gewinne, Mieten und Zinsen, also Einkommen für die zur Verfügung gestellten Produktionsfaktoren.
Dieses Einkommen wird seinerseits zur Grundlage neuer Ausgaben. Aber der entscheidende Punkt ist: Ohne den ersten Impuls durch die initiale Ausgabe käme der Kreislauf nicht in Gang. Auch schon bestehende Güter lassen sich immer auf diese initiale Ausgabe zurückführen.
Die Frage, die sich dann unmittelbar stellt, lautet: Woher kommt diese initiale Ausgabe? Wenn man es konsequent zu Ende denkt, dann ist die Antwort eindeutig: vor allem aus dem Kredit. Denn wenn Ausgaben den Einnahmen vorausgehen, dann müssen diese Ausgaben irgendwie vorfinanziert werden. Die moderne Geldwirtschaft löst dieses Problem durch das Kreditsystem.
Ein Unternehmen, das ein neues Werk bauen möchte, hat noch nicht die Einnahmen, die dieses Werk einmal erwirtschaften soll. Es borgt sich das noch benötigte Geld von einer Bank, tätigt die Ausgaben, erzeugt damit Einnahmen bei Lieferanten und Bauunternehmen und tilgt anschließend den Kredit aus den zukünftigen Umsätzen. Die Ausgabe war zeitlich vor der Einnahme, und zwar logisch und chronologisch.
Ein weiteres Beispiel veranschaulicht den makroökonomischen Grundzusammenhang besonders klar und deutlich, nämlich das eines Unternehmens in seiner Gründungsphase. Man könnte es treffend als „Mikro-Makroskop“ bezeichnen: Ein Vorgang auf der Mikroebene, der den Gesamtzusammenhang in Reinkultur sichtbar macht, so wie ein Mikroskop das zuvor Unsichtbare sichtbar macht, ohne es zu verfälschen. Er zeigt, dass das Neue nur durch vorgelagerte Ausgaben entstehen kann.
Ein Gründer hat eine Idee. Vielleicht eine neue Software, ein innovatives Produkt, eine bislang unbesetzte Marktnische. Was auch immer. Die Idee existiert zunächst nur als Potenzial, als Möglichkeit, die noch keine wirtschaftliche Realität ist. Um Realität zu werden, braucht die Idee Produktionsfaktoren: Arbeit (Entwickler, Designer, Vertriebsmitarbeiter), Kapitalgüter (Server, Bildschirme, Maschinen), Räumlichkeiten und mehr. Für all das braucht man Kaufkraft, also Geld. Und genau dieses Geld ist in aller Regel nicht (vollständig) vorhanden. Der Gründer hat keine ausreichenden Ersparnisse. Er hat keine Einnahmen, denn das Produkt existiert noch nicht, es kann noch nichts verkauft werden. Einnahmen setzen ein verkaufbares Angebot voraus, das Angebot setzt Produktion voraus, die Produktion setzt Ausgaben voraus und die Ausgaben setzen Kaufkraft voraus, die erst noch beschafft werden muss. Joseph Schumpeter hat diese Tatsache, dass der Unternehmer eben ohne diese Kaufkraft gar nicht Unternehmer werden kann, schon vor über hundert Jahren klar formuliert.
Hier tritt nun ein weiterer Aspekt in den Vordergrund: die sogenannte Endogenität des Geldes. Die traditionelle Geldtheorie und auch das Alltagsverständnis stellen sich Geld als eine vom Zentralbanksystem vorgegebene, feste Größe vor, die von außen in den Wirtschaftskreislauf injiziert wird. Und dieses Geld kann man dann ausgeben oder sparen. Geschäftsbanken würden im zweiten Fall dann lediglich als Vermittler fungieren, die vorhandene Ersparnisse an Kreditnehmer weiterleiten.
Die Realität ist jedoch grundlegend anders. Zentralbanken wie die Bank of England oder auch die Deutsche Bundesbank haben inzwischen in Veröffentlichungen ausdrücklich bestätigt: Geschäftsbanken schaffen Geld durch Kreditvergabe, nicht durch Weitervermittlung von Ersparnissen. Wenn eine Bank einen Kredit vergibt, entsteht buchstäblich neues Geld aus dem „Nichts“. Insoweit sind Ersparnisse nicht Voraussetzung, sondern Resultat dieses Prozesses, denn Ersparnisse entstehen aus Einkommen, welches wiederum zwingend die initiale Ausgabe benötigt, die wiederum Wert- und Einkommensschöpfung ermöglicht.
Um es nochmals klar zu formulieren: Neues Geld entsteht dann, wenn Ausgaben durch Kredit getätigt werden sollen. Es ist nicht ein vorab gegebenes Reservoir, aus dem geschöpft wird, sondern ein endogenes Instrument, das in genau dem Moment ins Leben gerufen wird, in dem wirtschaftliche Aktivität stattfinden soll.
Dieser „Selbstermöglichungsmechanismus“ ist ein geniales Konstrukt, denn in einer modernen Geldwirtschaft kann man auf diesem Wege eben ohne jeglichen Ressourcenaufwand, wenn man von dem Aufwand der Kreditbearbeitung einmal absieht, eine echte Wert- und Einkommensschöpfung in Gang setzen. Hier sind wir nunmehr beim eigentlichen „Geheimnis“ der marktwirtschaftlichen Erfolgsgeschichte angelangt. Entscheidend ist dabei aber, dass dieser Mechanismus wirtschaftspolitisch mittels Geld- und Finanzpolitik auch in Gang gesetzt wird, und zwar insbesondere dann, wenn die privaten Akteure, Haushalte und Unternehmen, durch Ausgabenkürzungen, also sparen, systematisch dagegenwirken.
Und um Irritationen zu vermeiden: Das neue (Kredit-)Geld aus dem „Nichts“ ist kein „geschenktes“ Geld, es ist auch kein „Helikoptergeld“, das Milton Friedman erfand, um monetaristische Irrungen in die Welt zu bringen. Nein, das neue Geld und auch sein Preis, die Zinsen, müssen durch „Anstrengung“, nämlich Einnahmenerzielung mittels Wertschöpfung, zurückgezahlt werden.
Die Logik aus der Triviallogik
Das Ausgaben-Einnahmen-Prinzip hat weitreichende wirtschaftspolitische Konsequenzen, die in der öffentlichen Debatte häufig ignoriert, missverstanden oder gar bestritten werden. So ist ja z. B. das zentrale Kennzeichen eines wirtschaftlichen Abschwungs, also einer Rezession, eben der Rückgang der Ausgaben in der Gesamtwirtschaft. Alle Akteure versuchen weniger auszugeben, also (mehr) zu sparen, weil sie weniger Einnahmen erzielen. Gedanklicher Anker aller wirtschaftspolitischen Vorschläge oder Maßnahmen, um den Weg aus einer Rezession zu finden, müsste demzufolge konsequent die einfach zu überprüfende Frage sein: Erhöhen diese Maßnahmen die Ausgaben, die wir benötigen?
Somit stellt sich für eine Gesellschaft immerzu die wirtschaftliche Grundsatzfrage: „Bekommen wir genügend Ausgaben, um das angestrebte Einkommen zu erzielen?“ Und diese Frage stellt sich für jedes Land und somit auch für die Welt insgesamt. Einige Länder, vor allem auch Deutschland, versuchen nunmehr seit vielen Jahren, ihr Ausgabenproblem zu externalisieren, also auf andere zu schieben. Nichts anderes bedeutet es, wenn Länder dauerhaft (hohe) Leistungsbilanzüberschüsse erzielen. Sie holen sich die benötigten Ausgaben von den Ausländern und bringen damit diese Länder in große Schwierigkeiten, weil dort diese Ausgaben fehlen und die Wertschöpfung leidet. Aber auch die Überschussländer können nicht wirklich feiern, da sie sich damit vom Ausland abhängig machen. Kommt es irgendwann zu fundamentalen externen (Corona-/Russland-/Trump-/Zölle-)Schocks, gerät die gesamte Überschussökonomie in Gefahr, weil sie sich strukturell auf dieses Modell eingerichtet und keinen Plan B hat. Die seit Jahren dahindümpelnde deutsche Volkswirtschaft zeigt das nachdrücklich auf. Ein vernünftiger Weg kann also grundsätzlich nur sein, dass jedes Land selbst intern für die notwendigen Ausgaben sorgen muss.
Der staatlichen Finanzpolitik kommt damit eine fundamental wichtige (Dauer-)Aufgabe zu, nämlich (jederzeit) zu gewährleisten, dass gesamtwirtschaftlich genügend Ausgaben generiert werden. In Analogie zur Zentralbank als liquiditätssichernder „Lender of last Resort“ muss sozusagen die Finanzpolitik der ausgabensichernde „Spender of last Resort“ sein, weil Konsum- und private Investitionsausgaben mittlerweile strukturell nicht ausreichen, um das gesamtwirtschaftlich notwendige Ausgabenniveau zu sichern. Wenn unser aktueller Finanzminister hingegen sinngemäß ausführt, man könne zukünftig nicht mehr alles mit Geld zuschütten, dann liegt er damit grundlegend falsch. Das wäre so, als würde man einem Landwirt raten, keine Samen mehr zu streuen, weil er dies ja schon in den letzten Jahren ausgiebig getan habe.
Die Finanzpolitik ist ein Instrument und kein Ziel bzw. sollte es sein. Wenn jedoch „Schuldenziele“ in die Verfassung geschrieben werden, dann haben wir eine aus der Soziologie bekannte Zweck-Mittel-Verdrehung. Dann kann man jedoch das zugrundeliegende Problem, nämlich zu geringe Ausgaben, nicht mehr lösen, weil es durch ein neues (Quasi-)Ziel, nämlich „solide Staatsfinanzen“, verdeckt wird. Die andauernde Debatte um die Schuldenbremse ist im Kern eine Debatte um das Verstehen und die Akzeptanz des Ausgabe-Einnahme-Prinzips: Ist man bereit, Ausgaben vor Einnahmen zu tätigen, weil man versteht, dass nur so die zukünftigen Einnahmen, Wertschöpfung und Einkommen entstehen können?
Um es zu betonen, die Ausgaben-Einnahmen- und die daraus zwingend resultierende Schuldenlogik sind kein Plädoyer für Verschwendung oder Verantwortungslosigkeit. Es ist die nüchterne Beschreibung der Logik, nach der moderne Geldwirtschaften funktionieren. Kreditgeld entsteht aus dem Ausgabenwillen, nicht aus vorangegangenen Ersparnissen. Erst der Mut zur Ausgabe macht Einnahmen möglich. Einkommen entsteht hingegen aus wirtschaftlicher Aktivität, aus Anstrengung.
Die Hürden und Feinde der Triviallogik
Die stärkste gedankliche Hürde für das Ausgaben-Einnahmen-Prinzip ist die Gleichsetzung der Ebenen. Für jeden einzelnen Haushalt gilt: Man kann nur ausgeben, was man vorher eingenommen hat. Diese Erfahrung ist universell, sie wird täglich erlebt. Das Gehalt muss auf dem Konto sein, bevor die Miete abgeht. Dieses mikroökonomische Erleben wird dann ohne Prüfung auf die Gesamtwirtschaft übertragen und als universelles Prinzip gleichgesetzt. In der Logik nennt man das einen Kompensationsfehlschluss oder auch Rationalitätenfalle, denn was für einen Einzelnen gilt, gilt eben nicht zwingend auch für das Ganze. Es ist ja offensichtlich: Wenn alle erst auf Einnahmen warten, um dann Ausgaben tätigen zu können, dann gibt es keine Ausgaben und keine Einnahmen. Die Makroökonomik ist eine Wissenschaft der Systemebene, deren Wahrheiten der Alltagsintuition widersprechen. Das ist für die meisten kognitiv (zu) anstrengend und erzeugt Widerstand. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, festzustellen, dass das Gehalt zwar eine Einnahme darstellt, vorher(!) aber eine Ausgabe des Arbeitgebers war. Und schon hätte man die makroökonomische Tür geöffnet.
Zu diesem kognitiven Widerstand gesellt sich dann noch eine moralische Aufladung: Schulden sind schlecht. Max Weber hat die Verbindung von Sparsamkeit, Disziplin und Tugend historisch beschrieben. Der sparsame Schwabe, der nicht mehr ausgibt, als er hat, gilt als absolutes Vorbild. Wer aber nun Schulden hat, ist dann in einem tiefen kulturellen Sinn „schuldig“, denn er lebt über seine Verhältnisse. Finanzielle Schuld und moralische Schuld sind dasselbe Substantiv. Kreditfinanzierte Ausgaben gelten damit grundsätzlich als moralisch anrüchig, und zwar unabhängig davon, ob sie ökonomisch sinnvoll sind. Diese moralische Aufladung macht es psychologisch schwierig, den funktionalen Zusammenhang nüchtern zu betrachten. Man will nicht, dass Schulden gut sein könnten, weil das eine tiefe kulturelle Überzeugung erschüttert. Aber erinnern wir uns an unseren (wagemutigen) Gründer: Er gibt Geld aus, was er noch nicht (verdient) hat, und er ist Schuldner! Ist sein Gründungsprojekt erfolgreich, feiern wir dies, weil das Neue in die Welt gekommen ist.
Zudem haben die allermeisten Menschen ein Verständnis von Geld, als sei es etwas, das man hat oder nicht, welches man verdient, ausgibt oder spart. Es ist knapp und vor allem: Es ist real, es ist ein „Ding“. Das makroökonomisch korrekte Bild ist jedoch anders: Geld ist vor allem eine soziale Beziehung, es ist ein Schuldverhältnis, das durch Kreditvergabe erst entsteht. Banken verleihen kein aufgespartes Geld, sondern sie schöpfen es im Moment der Kreditvergabe. Diese Erkenntnis widerspricht jedoch dem Alltagsbild so fundamental, dass sie aktiv abgelehnt wird. Wer Geld für ein knappes Gut hält, das zuerst vorhanden sein muss, bevor es ausgegeben werden kann, dem erscheint der Satz „Ausgaben gehen Einnahmen voraus“ als logischer Widerspruch: Woher kommt das Geld für die Ausgabe, wenn nicht aus vorherigen Einnahmen? Die hier gegebene Antwort, nämlich letztlich aus der Kreditschöpfung, aus dem „Nichts“, erzeugt eine so starke kognitive Dissonanz, dass sie für dieses Weltbild nicht integrierbar ist.
Schließlich gibt es ja aber eine wissenschaftliche Disziplin, die uns die Augen öffnen könnte. Aber die Volkswirtschaftslehre hat sich selbst in eine „Falle“ manövriert. Die seit Jahrzehnten dominierenden neoklassischen/neoliberalen Modelle bauen auf dem realitätsfernen Bild rationaler Akteure, die aus Ersparnissen investieren, auf Gleichgewichtsvorstellungen und sogar auf der Trennung von Real- und Geldwirtschaft auf. In diesen Modellen sind Geldschöpfung aus dem „Nichts“, die nachgeordnete Rolle von Einnahmen und vor allem die daraus resultierenden wirtschaftspolitischen Konsequenzen nicht unterzubringen. Wer in diesen Modellen ausgebildet und perpetuiert wurde, hat die falsche Sicht akademisch verankert. Sie ist dann keine naive Alltagsvorstellung mehr, sondern eine mit wissenschaftlichem Prestige versehene Überzeugung und deshalb kaum zu revidieren. Auch Arbeitgeber akademischer Ökonomen außerhalb des universitären Bereiches wie Zentralbanken, Forschungsinstitute, internationale Organisationen, Medien und Think Tanks halten diese Narrative aufrecht, indem entsprechend zitiert, gefördert und eingeladen wird.
Um akademisches Prestige und Karrieren zu schützen, werden alternative Sichtweisen und empirische Tatsachen marginalisiert und vor allem ignoriert. Sollte das eigene Modell der Realität widersprechen, ist nicht das Modell falsch, sondern die Realität „unvollkommen“. Im Ergebnis ergibt sich so eine aus der Managementforschung bekannte dominante Logik, kurz: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Eine neue Erkenntnis wird gar nicht erst zugelassen, sie wird strukturell verhindert. Das (falsche) mentale Modell ist so tief internalisiert, dass abweichende Evidenz, wie die Ausgaben-Einnahmen-/Schuldenlogik, als Anomalie, Fehler oder Ideologie aufgefasst bzw. interpretiert wird. Dann wird man jedoch letztlich selbst zum Ideologen.
Zudem kommt dann der My-Side-Bias ins Spiel. Reflexhaft werden Analysen und Schlussfolgerungen alternativer Modelle abgewehrt, weil diese nicht zum eigenen Lager gehören. Die „Sicht der Dinge“ speist sich dann vor allem aus der intellektuell-sozialen Zugehörigkeit (My Side) anstatt aus nüchterner Analyse der Fakten. So wurde auch in diesem Artikel bis zu dieser Stelle der Name „Keynes“ vermieden, um den (sofortigen) My-Side-Bias zu verhindern und dadurch der grundlegenden Logik zumindest eine kleine Chance zu geben. Dabei sind die dargelegten kreislaufanalytischen Inhalte schon ca. hundert Jahre alt und neben anderen insbesondere mit dem Namen Keynes verbunden. Doch nimmt man auch nur kurz seinen Namen in den Mund, erfolgt beim Gegenüber oft ein kognitiver Abbruch, und das kritische Denken hört auf. Und dies scheint wohl besonders ausgeprägt bei „kognitiven Eliten“ zu sein. Wenn aber wissenschaftlicher Irrtum nicht zugelassen wird, dann ist auch wissenschaftliche Erkenntnis nicht möglich.
In einer solchen Welt sind auch Politiker mental gebunden. Die allermeisten Politiker haben ein Erkenntnisproblem. Sie werden nicht in Makroökonomik ausgebildet, sondern vielleicht in Rhetorik, Parteilogik und Wahlkampf. Was sie über Wirtschaft wissen, haben sie von Instituten, Beratern, Medien, dem „gesunden Menschenverstand“ etc., also genau den Quellen, genau der Blase, die das falsche Paradigma reproduzieren. Ein Politiker, der das falsche Paradigma durchschaute und dies auch artikulierte, würde als unseriös markiert. Er könnte politisch nicht überleben, die Medien würden ihn als Schuldenmacher abstempeln, die eigene Partei würde ihn isolieren. Das falsche Paradigma erlangt so neben der wissenschaftlichen auch eine politische Schutzfunktion – und deshalb lebt es weiter.
Wie weiter?
Paradigmenwechsel beginnen immer außerhalb des Establishments. Um dafür ein breites Verstehen zu erzeugen, müssen über eine radikale Komplexitätsreduktion die Kernzusammenhänge immer wieder artikuliert werden. Komplexe mathematische Modelle verhindern genau dies. Sie mögen mathematisch elegant sein, sie erklären aber nicht die ökonomische Realität, da schon ihre Prämissen in der Realität nicht gegeben sind. Man muss durch grundlegende Zusammenhänge die Makroökonomik „trivialisieren“, um dadurch einen breiten Zugang zu ermöglichen. Von daher die hier dargelegten (einfachen) Gedanken.
Cord Twele ist (noch) Professor für Volkswirtschaftslehre und Management an der (dualen) Privaten Hochschule für Wirtschaft und Technik in Vechta. Er schreibt über seinen Werdegang als kritischer Ökonom:
„Als ich 1983 mein VWL-Studium begann, waren das herrschende neoklassische Paradigma und die daraus folgende Angebotspolitik schon kurz vor ihren Höhepunkten. Was jedoch als „Makroökonomik“ verkauft wurde, war im Grunde keine. Es war Mikroökonomik. Jede makroökonomische Aussage sollte „mikroökonomisch fundiert“ werden. Ich fand das absurd und war irritiert, denn dann kommt man eben nicht auf die gesamtwirtschaftliche Ebene, bei der eine wirtschaftliche Handlung eines Akteurs immer auch einen anderen Akteur betrifft.
Genauso schlimm war zudem die Realitätsferne. Man musste sich mit mathematischen Modellen rumschlagen, die überhaupt nichts mit der ökonomischen Realität zu tun hatten. Schon die Prämissen waren in der Realität nicht gegeben. Dabei ist Volkswirtschaftslehre eine Realwissenschaft und keine Formalwissenschaft.
Nur wenn man sich der ökonomischen Realität stellt, kommt man zu den relevanten Fragen und Antworten. Der Weg zu dieser „relevanten Ökonomik“ war unter diesen Bedingungen nicht einfach, ich musste ihn selbständig gehen und vor allem selbst denken und recherchieren. Der Aufsatz „Was ist Angebotspolitik?“ aus 1982 von Heiner Flassbeck war dabei ein Glücksgriff. Seitdem denke (und lese) ich konsequent nur gesamtwirtschaftlich. Volkswirtschaftslehre hat nur dann eine Bedeutung, wenn sie makroökonomisch ausgerichtet ist. Mikroökonomik ist im Grunde für mich keine Volkswirtschaftslehre, sie ist insoweit irrelevant.
Relevante Ökonomik bedeutet, dass man immer die Systemfrage stellen muss: Was bedeutet eine einzelwirtschaftliche Handlung/Maßnahme eines Akteurs für andere Akteure? Und dann zu erkennen: Es hat immer eine Auswirkung, es sind immer auch andere betroffen. Das ist entscheidend.“